Mitten in Europa: Kinderhandel

Mitten in Europa: Kinderhandel
Friederike Beck

Moderne Mythen oder Großstadtlegenden – so genannte »urban legends« – sollen Wiedergänger von Ammen- und Schauermärchen sein. Der Germanist und Volkskundler Rolf Wilhelm Brednich beforschte und kategorisierte sie und machte sie in Deutschland einem großen Lesepublikum bekannt (Die Spinne in der Yucca-Palme u. a. ).

Moderne Legenden rührten von der Angst »undurchsichtigen politischen oder wirtschaftlichen Mächten machtlos bzw. hilflos ausgeliefert zu sein«, weiß Wikipedia. Diffuse Ängste, aber auch handfeste Vorurteile, ja Xenophobie, seien die wahren Autoren der modernen Mythen, sie richteten sich gegen »Fremde«, ethnische und soziale Minderheiten und würden zur Ausgrenzung, Diskriminierung und Diffamierung von Bevölkerungsgruppen missbraucht.

Kinderraub und Kinderhandel: Moderne Schauermärchen oder zunehmendes Problem?

Die britische Website Snopes möchte mit diesen Gerüchten aufräumen und gibt nach Themen geordnete Hinweise und Beispiele für derartige missliebige Legenden. Folgende Geschichte wird dort ausdrücklich mit einem roten Warnhinweis als »falsch« gebrandmarkt:

»Warnung für Kinder: Bitte nehmt Euch Zeit und schickt das an Freunde weiter, die Kinder haben. Danke!

Ich wollte hier etwas mitteilen, das mir heute passierte, als ich im Sam’s Club einkaufen war. Eine Mutter beugte sich suchend über die Fleischauslage, drehte sich dann wieder um und merkte, dass ihre vierjährige Tochter nicht mehr da war. Ich stand direkt neben ihr, sie rief nach ihrer Tochter Katie – keine Antwort. Ich bat einen Mann, der bei Sam’s arbeitet, eine Lautsprecherdurchsage zu machen. Das machte er auch; er ging an mir vorbei und ging zu einer Rufsäule und machte eine Durchsage, dass alle Türen und Tore mit irgendeinem Code geschlossen werden müssten. Sie schlossen also alle Tore und es dauerte nur drei Minuten, nachdem ich den Mann darum gebeten hatte. Man fand das kleine Mädchen fünf Minuten später zusammengekauert in einer Toilettenkabine, ihre Haare waren auf einer Seite abgeschnitten, sie hatte ihre Unterwäsche an und neben ihr am Boden lagen ein Beutel mit Kleidern, ein Rasierapparat und eine Perücke… Wie das alles in weniger als zehn Minuten geschah, macht mich schaudern. Bitte haltet Eure Kinder in Supermärkten im Auge. Es brauchte nur wenige Minuten, um all das zu tun, weitere fünf Minuten und sie wäre aus der Tür gewesen… Ich bin noch immer geschockt… Alles kann ersetzt werden, außer einem Leben. Niemals würden Eltern ihre Kinder auf solche Art und Weise verlieren wollen!«

Ein anderer als »falsch« kategorisierter Warnhinweis berichtet ebenfalls von einem verschwundenen dreijährigen Mädchen, das mit zwei Rumäninnen in einer Toilette gefunden wurde, als sie ihm gerade die Haare schnitten und ihm Jungenkleidung anzogen, andere »Märchen« berichten zusätzlich von einer Haarfärbeaktion mit Farbspray.

Dieses sind also alles moderne Schauermärchen – bestenfalls –, wenn nicht offene Diskriminierung von Minderheiten.

In eine ähnliche Kategorie fällt in Deutschland die nicht totzukriegende Geschichte vom Kidnapping bei Ikea, wogegen die Firma schon versuchte, mit einer Strafanzeige gegen unbekannt vorzugehen. Ein Lexikon der Großstadtmythen entlarvt diese und ähnliche Geschichten vom Kinderraub als Humbug.

Doch tauchen auch in Deutschland z. B. auf Facebook immer wieder Warnhinweise wie dieser auf:

»Eine Mutti war mit ihrem vierjährigen Sohn bei H&M shoppen. Die Mutti setzte ihn vor den Fernseher und sie schaute nach Klamotten, als sie zu ihm ging, war er nicht mehr da. Sie schrie, was das Zeug hält … alle Türen wurden verschlossen … Zigeuner hatten den Jungen … mit Ethanol betäubt, in ne Umkleidekabine gezerrt, die Haare abrasiert, komplett umgezogen und wollten mit dem Jungen flüchten. Da alle Türen verriegelt waren, wurde er gerettet! Er sollte für 100 Euro verkauft werden und die hätten ihn getötet – zum Organhandel verurteilt (sic!) … dies ist letzte Woche in Steglitz passiert. Bitte weiter posten, es könnten auch Eure Kinder sein!!!«

Schon tragisch, da wurde also ein Kind zum »Organhandel verurteilt«. Ein Stück Erzählkunst mit Tradition, sagen die Forscher, ein so genanntes »moralisches Lehrstück«. Aber: Erst vor Kurzem wurde der Fall eines Mädchens aus Somalia bekannt, das nach England geschmuggelt worden war, »um ihre Organe zu ernten«. Bharti Patel, die Präsidentin der Kinderschutzorganisation ECPAT UK, kommentierte:

»Händler nutzen die Nachfrage nach Organen und die Schutzlosigkeit der Kinder. Es ist unwahrscheinlich, dass ein Händler ein solches Risiko eingeht und dann nur ein Kind nach Großbritannien bringt. Es ist wahrscheinlich, dass es eine Gruppe gab.«

Die Weltgesundheitsorganisation spricht von ca. 7000 illegal erworbenen Nieren pro Jahr. Ein britischer Regierungsbericht benennt steigende Zahlen beim Menschenhandel. 371 Kinder wurden dieses Jahr registriert, die von Menschenhändlern als Sklaven, für Organhandel und

sexuellen Missbrauch nach Großbritannien geschleust wurden. Herkunftsländer: Vietnam, Nigeria, China, Rumänien, Bangladesch. Es wurden aber auch 20 Fälle britischer Mädchen bekannt, die von ausländischen Gangs sexuell ausgebeutet wurden.

Um mit dem Problem fertig zu werden, erwägt die britische Regierung eine Gesetzesänderung, um bereits vorbestraften Tätern für Menschenhandel automatisch die Höchststrafe »lebenslänglich« zu geben.

Die Nachfrage nach Organen ist auch in China dermaßen groß, dass spielende Kinder nicht mehr sicher zu sein scheinen: Im August machte das chinesische Staatsfernsehen den Fall eines sechsjährigen Jungen bekannt, der vor dem Haus seiner Eltern gekidnappt, unter Drogen gesetzt und dem beide Augäpfel für Hornhauttransplantate entfernt wurden.

Auch aus Südamerika liest man Verstörendes: Die Generalstaatsanwaltschaft Guatemalas registrierte im August diesen Jahres 22 Berichte über gestohlene Babys im Zusammenhang mit illegalen Adoptionen bzw. wegen ihrer Organe! Der mit dem Thema betraute Staatsanwalt Erick Cárdenas wies darauf hin, dass dabei häufig Krankenhausangestellte, Ärzte und Hebammen im Spiel seien, die illegalen Netzwerken bei der Fälschung von Geburtsurkunden helfen. In einem Fall habe ein als Krankenschwester verkleideter Eindringling einer Wöchnerin eine Schlaftablette verabreicht und dann ihr Kind gestohlen – leider keine moderne Legende also.

Leonel Dubón, der Präsident des guatemaltekischen Kinderschutzbundes, berichtete, der Kinderhandel, auch zum Zwecke der Organentnahme, nehme zu. 1700 Kinder, die 2012 verschwanden, waren im März 2013 noch nicht wiedergefunden.

Kinderhandel: In Europa ist man noch im Stadium der Verleugnung

In südamerikanischen Ländern wie Guatemala, Peru, Bolivien ist man sich der Probleme weithin bewusst und unternimmt Anstrengungen, ihrer Herr zu werden. In Europa dagegen ist man noch im Stadium der Verleugnung, das Problem wird weithin totgeschwiegen, als »modernes Schauermärchen« lächerlich gemacht und in die Fesseln politischer Korrektheit und EU-Seligkeit gelegt.

Dieser Tage näherte sich eine dieser »modernen Legenden« mit dem Fall der blonden »Maria« bedrohlich der Realität. Das Kind wurde in Griechenland in einer Zigeunersiedlung in Tabakou bei Farsala (Zentralgriechenland) während einer Waffen- und Drogenrazzia rein zufällig entdeckt.

Ängste und Befürchtungen aus dem kollektiven Unbewussten, das archaische Trauma des Kindsraubes, spülten abrupt an die Oberfläche, denn die Auffindung des Kindes und seine verworrene Geschichte schlossen sich unmittelbar einem anderen Albtraum an: der erneuten Suchkampagne der Eltern im Fall der 2007 verschwundenen fast vierjährigen Madeleine McCann… und des 1991 auf der griechischen Insel Kos verschwundenen 21 Monate alten Ben Needham, Inbegriff eines süßen, blonden, knopfäugigen Babys, der zuletzt nach einer Zeugenaussage im selben Zigeunercamp gesehen wurde wie das Roma-Mädchen Maria, der »blonde Engel«, der tagelang die Schlagzeilen beherrschte.

Wurden Schauermärchen wahr? Ben Needhams Familie hatte immer einen Zusammenhang mit Roma vermutet, war jedoch von der griechischen Polizei beruhigt worden: »Es ist unmöglich, dass die Zigeuner ein europäisches Kind verstecken.«

Kinderhandel: Griechenland als Drehscheibe

Die Anforderungen der politischen Korrektheit in Europa sind hoch. Können sie vielleicht der Polizei die Sicht vernebeln?

Maria (früher Stanka), das blonde Roma-Mädchen.

Bens Schwester Leighanna erinnert sich: »Meine ganze Familie und ich glaubten immer fest, dass Ben von Zigeunern mitgenommen wurde für Kinderhandel oder illegale Adoption. Dieser Fall [Marias] zeigt einfach nur, dass man die Kinder finden kann.« Und gegenüber der BBC: »Kinderhandel und illegale Adoptionen sind in Griechenland sehr häufig und wir glaubten, genau das sei mit Ben passiert – dass er für eine kinderlose Familie genommen und durch das Zigeunerlager durchgeschleust wurde.«

Der 1991 spurlos verschwundene Ben Needham

Ein griechischer Privatdetektiv hatte 1995 im Auftrag der Familie ermittelt. Stratos Bakirtzis fand einen etwa sechsjährigen blonden Jungen bei Thessaloniki, der bei einer Zigeunerfamilie lebte. Der Junge erzählte ihm, er sei an Zigeuner gegeben worden, nachdem seine Eltern ihn verlassen hätten; seine Adoptivmutter behauptete, ihn von einem anderen Zigeuner gekauft zu haben. Leider war der Junge nicht der gesuchte Ben, der Vorfall zeigte jedoch, dass offenbar Kinder in Roma-Kreisen verkauft werden.

1992 bemerkte ein pensionierter Arzt ein blondes Kleinkind bei einer Zigeunerfrau, die selbst keine Kinder bekommen konnte. Der Junge sprach einige Worte Englisch und sagte, er heiße Ben. Sotiris Papachristoforou meldete dies damals der Polizei. Das kam aber erst 2011 heraus. Auch später gab es Hinweise auf den Zusammenhang mit einem Camp bei Larissa, wo ein blonder Junge angeblich aus Kos stammte – dorther also, wo der kleine Ben verschwunden war.

Die englische Familie des verschwundenen Kleinkinds beklagt bitter, dass griechische Behörden »aus Angst« nie entsprechende Durchsuchungen in Roma-Siedlungen durchgeführt hätten.

Die Vermutungen der Familie Needham gewinnen an Plausibilität durch die Aufdeckung des Chaos, das offensichtlich bei den Meldeämtern in Griechenland herrscht: Marias Ziehmutter, Eleftheria Dimopoulou, hatte zwei Ausweise (ID-Cards) mit unterschiedlichen Namen und hatte »ihre« 14 Kinder gleich an mehreren Orten registrieren lassen, um insgesamt ca. 5000 Euro Kindergeld pro Monat zu bekommen. Der Polizeichef von Larissa, Vassilis Halatsis, glaubt, weitere Kinder der Familie könnten Opfer eines internationalen Menschenhändlerrings sein.

»Wir erhalten aus ganz Europa Hinweise, die zeigen, dass das Problem von vermissten Kindern, die in die Hände von Zigeunern fallen, ein Problem auf dem ganzen Kontinent ist.«

Die Behörden hatten in der Vergangenheit schon Dutzende Fälle von Kinderhandel festgestellt, bei denen es um bulgarische Roma ging. Es gebe dokumentierte Fälle, wo griechische kinderlose Paare von bulgarischen Roma Kinder für bis zu 15 000 Euro gekauft hatten. Ein Angestellter der griechischen Kommission gegen Menschenhandel bestätigte, es gebe Reisen von schwangeren Roma-Frauen, die in Griechenland gebären, um dort ihre Babys zu verkaufen. Ihnen würden 4000 Euro versprochen, aber oft erhielten sie weit weniger. 38 Fälle seien 2012 und 29 im Jahr 2011 bekannt geworden.

Wer es heute wagt, das Thema Kinderhandel im Zusammenhang mit dem Stichwort »Roma« zu nennen, wird unerbittlich gebrandmarkt und marginalisiert. Doch wem hilft das? 2008 kam es bei Neapel zu schweren Ausschreitungen gegen ein Zigeunerlager: Ein 16-jähriges Roma-Mädchen hatte versucht, in einem Haus ein Baby zu stehlen, war aber dabei erwischt worden.

Vielleicht ein isolierter Einzelfall, gewiss. Ein Leser des Focus (»Michael Werner«) berichtet am 22.1.13 im Kommentarforum Folgendes:

»Es war in den 90ern. Ich arbeitete in einem TV-Großmarkt in Eschborn, als eine dicke und recht ungepflegte Frau mit speckigem Rock meine Abteilung betrat. Neben ihr ein Mann von der Art wie auf dem Foto oben, an der Hand hatte sie ein wunderschönes, kleines, blondes Mädchen. Sie sah meinen Blick und sagte: ›Gefällt sie dir, willst du kaufen?‹ Der Satz war so ungeheuerlich, dass ich kein Wort herausbrachte. Sie sah mich an, winkte ab und meinte: ›Aweh. Du bist kräftige junge Mann, du musst nicht kaufen, du kannst selbst machen.‹ Sie lachte glucksend und die drei gingen. Ich blieb verstört zurück, fassungslos über das Geschehene und verunsichert, einen ›Witz‹ vielleicht falsch verstanden zu haben. HEUTE weiß ich, es war keiner! Wenn Vorurteile WAHR werden, dann sind es keine mehr.«

Eine moderne Legende oder ein glaubwürdiger Augenzeugenbericht? Im September 2010 berichtete der britische Telegraph über eine Bande rumänischer Zigeuner, die 200 Kinder gestohlen, diese nach Großbritannien verbracht und dann zum Betteln gezwungen, einige sogar absichtlich verkrüppelt hatte, um mehr Mitleid bzw. Profit herauszuschlagen.

Bei Razzien in Berkshire (England) und Rumänien tauchten große Mengen Bargeld, Waffen, sogar AK-Sturmgewehre und Granatwerfer auf. Und: Es fanden sich auch gefälschte Reisepapiere für die Kinder. Die Betroffenen im Alter von wenigen Monaten bis zu 17 Jahren wurden in Behördenobhut genommen. Sie waren in bandeneigenen Unterkünften als Sklaven gehalten und gefügig gemacht worden. Den in Rumänien verbliebenen Eltern drohte man, den Kindern werde es schlecht ergehen, sollten sie sich an die Polizei wenden. Den Kindern in England drohte man entsprechend, ihren Familien Schaden zuzufügen, wenn sie nicht kooperierten.

Die britische Tageszeitung Mirror zitierte bei der Untersuchung des aktuellen Falles der Maria eine griechische Polizeiquelle: »Die Polizei untersucht ein größeres europaweites Netzwerk von Kinderhändlern. Dieses Mädchen könnte auf Bestellung gestohlen und von osteuropäischen kriminellen Banden verkauft worden sein. Wir wissen, dass diese Netzwerke existieren.«

Anhand des Falls des Roma-Mädchens wird nun offen zugegeben, dass es ein Problem mit Kinderhandel gibt und auch mit der Registrierung von Kindern in Griechenland und Bulgarien. Unter der Überschrift »Griechenlands Problem mit Kinderhandel« nahm sich der Griechenland-Korrespondent der BBC, Giorgos Christides, des Themas an:

»Kriminelle Organisationen bringen Hunderte von Kindern aus Balkanländern nach Griechenland zur Zwangsarbeit, zur sexuellen Ausbeutung oder sie werden für illegale Adoptionen innerhalb und außerhalb des Landes verkauft.«

Die Zahlen sind horrend, und es geht dabei um ebenso horrende Geldsummen. Man kann nur vermuten, dass das Thema auch deswegen bisher weitgehend unter den Teppich gekehrt wurde, weil es eine Diskussion über die offenen Grenzen innerhalb der EU und die im nächsten Jahr kommende völlige Freizügigkeit auch für Rumänien und Bulgarien mit sich bringen würde, was dem hier beschriebenen Problem – Kinderhandel – noch zuarbeiten wird:

»Es gibt aktuell 3000 Kinder, die von Kinderhändlerringen durch Griechenland durchgeschleust werden. Die Kinder stammen hauptsächlich aus Bulgarien, Rumänien und anderen Balkanländern«, sagt der Chef der UNICEF Griechenland Lambros Kanellopoulos. Er gibt als Grund für Griechenlands Status als Zentrum des Kinderhandels in Europa seine geografische Lage und seine Ineffizienz bei der Strafverfolgung an. Das System sei »voller Löcher«.

Kinderhändler benutzen oft Roma-Gemeinden

Kanellopoulos weist auch auf das heikle Thema der Bedeutung der Zigeunercamps hin: Kinderhändler würden Roma-Gemeinden oft benutzen, weil sie »weitgehend unter dem Radar der Gesellschaft« lebten.

Ein typisches Vorgehen der Kinderhändler ist laut Polizei folgendes: Eine schwangere Roma-Frau aus Bulgarien geht zur Geburt in ein griechisches Krankenhaus und wird gleich von einem Mitglied des kriminellen Rings begleitet, das sich als ihr Verwandter ausgibt. Sie bekommt im günstigen Fall 3000 Euro ausgezahlt. Von da ab wird das Baby weiterverkauft und wie eine Ware weitergehandelt. Diejenigen Kinder, die man nicht weiterverkauft, werden zum Betteln, Stehlen und harten Arbeiten genutzt.

Kurz nach dem Fall der Maria nahm die offensichtlich etwas aktiver gewordene griechische Polizei drei Personen in einem Camp fest (eine 19-jährige Frau, ihren 21-jährigen Mann und seine 51-jährige Mutter), die versucht hatten, ein Baby bei Mytilini auf Lesbos als ihres zu registrieren. Sie gaben an, sie hätten die biologische Mutter zufällig in Athen getroffen, sie habe bereits fünf Kinder. Da sie selbst keine bekommen könnten, hätte die unbekannte Frau ihnen das Baby ohne Geld zu verlangen überlassen – eine gängige Geschichte also.

Der Fall des Mädchens Maria ist längst wieder aus den Schlagzeilen heraus, dabei hätte das Thema dringend weiter auf die Tagesordnung gehört, schon allein wegen des gefährlich korrupten griechischen Geburtenregisters. Die griechische Regierung will nun DNS-Tests für die Registrierung von Geburten außerhalb von Krankenhäusern obligatorisch machen – dabei könnte man aus Südamerika lernen, dass dort DNS-Fakes bei Kinderhändlern gang und gäbe sind.

Vom Zigeunercamp in die Hände von Pädophilen?

Ein mehrfach abgeurteilter pädophiler Sextäter starb 2010 in einer Klinik in Aachen an Kehlkopfkrebs. Der Brite, ein ehemaliger Soldat, lebte mit seiner zweiten Familie, seiner deutschen Frau und sechs Kindern in Portugal ein zweites nomadisches Leben in einem Wohnwagen, offenbar stets in Geldnot, quasi von der Hand in den Mund.

Im Angesicht des Todes schrieb Raymond Hewlett an seinen Sohn aus erster Ehe, der sich angewidert von seinem Vater abgewendet hatte, einen Abschieds- und Entschuldigungsbrief, in dem er sich von dem Verdacht freisprechen wollte, er habe etwas mit der Entführung von »Maddie« (Madeleine) McCann zu tun. Hewletts Familie hatte damals nur wenige Kilometer vom Tatort Praia da Luz entfernt auf einem Campingplatz gelebt. Er schrieb, er habe nichts mit der Angelegenheit zu tun, wisse aber, was mit dem Kind passiert sei: Einer seiner Zigeuner-Freunde habe es in angetrunkenem Zustand herausgelassen. Sie sei von einer »gipsy gang« auf Bestellung gestohlen worden, die Kinder für reiche Paare kidnappe, die keine Kinder bekommen könnten oder für Adoptionen. Diese Banden, so Hewlett, hätten »shopping lists«, also Einkaufslisten von potenziellen Opfern, kleinen Mädchen mit blonden Haaren, so wie Maddie. Hewletts Sohn:

»Mein Vater schrieb, diese Bande operiere schon seit langer Zeit und hätte schon früher Kinder für Paare gestohlen, die selbst keine Kinder haben könnten … Maddie wurde ins Auge gefasst. Sie machen Fotos von Kindern und schicken sie an die Leute, in deren Auftrag sie arbeiten. Und diese sagen dann ›ja‹ oder ›nein‹. Der Zigeuner habe seinem Vater gesagt, es hätte nichts mit einer pädophilen Bande oder sexuellen Motiven zu tun.«

Möge es so sein! Aber wie kann das erste Glied in der Verkäuferkette dies überhaupt kontrollieren? Natürlich letztlich nicht.

Illegale »Adoptionen« – ein Codewort für Organhandel und pädophile End-»Verbraucher«?

Hewletts Einlassungen auf dem Totenbett wurden bestätigt, aber auch teilweise korrigiert durch eine Zeugenaussage eines Landsmanns, der mit dem pädophilen Sex-Täter zwischen Juni und November 2007 ahnungslos Bekanntschaft auf einem marokkanischen Campingplatz gemacht hatte: Peter Verran erinnert sich, Hewlett habe ihm erzählt, dass Zigeuner ihm seine kleine blonde Tochter abkaufen wollten, was er abgelehnt habe. Die Gipsys würden für Kinder bezahlen und sie an Pädophile weiterverkaufen. »Adoptionen« – das dürfte auch ein gut klingender Deckmantel für Organhandel und pädophile Endkunden sein!

Auch im Fall der 2007 verschwundenen Madeleine McCann gab es einschlägige Hinweise. Dies erfuhren die verzweifelten Eltern jedoch erst 2008, nachdem ihr Fall in Portugal offiziell ad acta gelegt und die Akten freigegeben worden waren.

Mit der Veröffentlichung Tausender von Polizeidokumenten 2008 lasen die McCanns auch, dass britische Kriminalbeamte der Koordinierungsstelle in Leicester von einer Geheimdienstabteilung CO14 der Metropolitan Police, die sich mit Clubs und Sitte befasst (»Clubs & Vice«), Informationen erhalten hatten, Madeleine sei aufgrund der Bestellung eines belgischen Pädophilenrings gekidnappt worden. Ein Späher (»Spotter«) habe das Kind vorher fotografiert und die Bilder weitergeleitet. Die Dokumente enthüllten jedoch nicht die Quelle dieser Information.

Seit den Skandalen um den Fall Dutroux gilt Belgien auch als europäische Pädophilen-Hochburg

Die Fälle der beiden Kinder Maria und Madeleine zeigen, dass Kinder aus unterschiedlichen Motiven eine wertvolle »Ware« sein können.

Die unvorstellbare Armut, die bei Marias Roma-Ursprungsfamilie offenbar wurde, ist grausamerweise eine wichtige Voraussetzung dafür, das »Geschäftsmodell Kind« am Laufen zu halten: Kinder sind eine wertvolle Ware zum Geldverdienen (Betteln, Stehlen, Musik machen etc.), zur Weitervermittlung (auch als Kinderbräute) und zum Weiterverkauf innerhalb und außerhalb der Roma-Clans.

Die griechische Kinderschutzorganisation ARSIS spricht von einem »Ring«, der in Griechenland, Albanien, Rumänien und Bulgarien operiere und Kinder aus Griechenland und den Nachbarländern ausbeute. Allein in Athen und Thessaloniki würden mindestens 900 Kinder täglich gezwungen, zu betteln oder Autoscheiben zu waschen.

Die bulgarischen Behörden vermuten, dass die leibliche Mutter Marias, Sascha Rusewa, das Kind an Kinderhändler verkaufte, an einen obskuren Mittelsmann namens Michalis und seine Freundin, eine Prostituierte, welche das Kind dann nach Zentralgriechenland brachten, wo es für 1000 Euro an die jetzigen »Adoptiveltern« verkauft wurde. Sascha Rusewa erklärte: »Ich habe viele Kinder, ich verkaufte einige, andere gab ich weg. Ich war zu arm. Ich weiß nicht, ob sie [Maria] eine von ihnen ist.« (Ein DNS-Test hat dies nun positiv bestätigt und auch den in der Familie häufiger vorkommenden Albinismus, unter dem auch weitere Geschwister Marias leiden.)

Der Reichtum der Roma-Bosse: Geschäftsmodell Kind

Die Bedeutung der Kinder für die Roma-Clans muss erklärt werden: Sie sind deren Hauptarbeitskraft und Einnahmequelle. Roma-Männer arbeiten traditionell eher selten im Sinne einer regelmäßigen Arbeit. Diese ist vorwiegend für Frauen und Kinder reserviert. (Auch rein äußerlich ist das häufig zu sehen: Während Frauen wie die arme Sascha Rusewa oft schon mit 13 Jahren ihr erstes Kind bekommen und mit 35 nach unzähligen Schwangerschaften so ausgelaugt und gealtert aussehen wie andere Frauen erst 30 Jahre später, sind ihre Partner wohlbeleibt.)

Die FAZ veröffentlichte am 24.2.13 eine Analyse von Erfahrungen aus Wien, Titel: »Elend als Geschäftsmodell«. Der Artikel spricht vom »Geschäftsmodell Kinderhandel« und der unbeschreiblichen Ausbeutung, denen Roma-Kinder in ganz Europa zum Wohle von fernen, schwerreichen Clanchefs unterworfen werden.

Palast eines Roma-Bosses in Rumänien. Quelle: YouTube still, aus: »Gypsy Child Thieves« (BBC-Doku)

Ich möchte allen Lesern ans Herz legen, die folgende BBC-Reportage einmal anzusehen. Nur so kann man verstehen, dass es purer Zynismus ist, wenn man aus politischer Korrektheit heraus dieses Problem meint nicht ansprechen zu dürfen oder gar denkt, es mit einer Verlegung des Problems nach Deutschland abmildern zu können.

Die Dokumentation, die mit versteckter Kamera über Monate durchgeführt wurde, belegt: Es gibt streng hierarchische Strukturen innerhalb der Roma-Clans. An der Spitze steht ein Oberhaupt. Hier fließen die Gelder hin, die Frauen und vor allem Kinder in ganztägiger »Arbeit« auf Europas Straßen verdienen. Die Doku verfolgt den Geldstrom zurück bis hin nach Rumänien, wo die Clanoberhäupter fantastische Paläste errichten und Autos mit starken Motoren fahren…

Und genau hier müssen Gegenmaßnahmen einsetzen. Denn mit Beschwichtigungs- und Toleranzappellen ist keinem einzigen Roma-Kind geholfen. Der pensionierte Staatsanwalt Egbert Bülles hält den Kampf gegen Verbrecherkonzerne (Drogenringe, Menschenhändler etc.) in Deutschland bereits für verloren u. a. auch wegen »politischer Quertreiber«.

Das einzig Richtige wären Anti-Mafia-Paragrafen nach italienischem Vorbild, wie sie Bülles fordert, und die Umkehr der Beweislast nach dem Vorbild der USA und Italiens: Wenn Mafiosi nicht erklären können, woher ihre Gelder stammen, werden diese schlicht eingezogen. In Deutschland dagegen muss die Justiz diesen Beweis antreten, bevor sie gegen Mafia-Strukturen vorgehen kann. Das ist völlig realitätsfern.

Um ausgebeuteten Roma-Kindern wirklich helfen zu können, sollten die Behörden in die Lage versetzt werden, das Vermögen der Roma-Bosse z. B. in Rumänien einzuziehen und an Ort und Stelle in Fortbildungsstätten u. ä. für Roma-Kinder umzufunktionieren. Seltsamerweise hört man in dieser Richtung wenig, auch aus Roma-Kreisen selbst. Letztlich muss aber aus dieser Gruppe heraus der Anstoß zu Verbesserungen kommen.

Eine besondere Rolle fällt dabei Menschen aus dieser Ethnie zu, die es »geschafft« haben, also z. B. mit Musik zu Ruhm, Ansehen und Wohlstand gekommen sind (z. B. die bekannte bulgarische Sängerin Sofi Marinowa, um nur ein Beispiel zu nennen, die 2012 ihr Land für den European Song Contest vertrat). Was sagen sie zu den Zuständen in Griechenland und Bulgarien, in denen ihre Brüder und Schwestern leben müssen?

80 Prozent der in diesen Ländern lebenden Roma sind Analphabeten, mithin ca. eine halbe Million Menschen, die oft ebenfalls keinen Sinn darin sehen, ihre Kinder in die Schule zu schicken. Roma-Sprecher begnügen sich meist damit, vor Rassismus, Vorurteilen und der angeblichen Stigmatisierung ihrer Bevölkerungsgruppe zu warnen. Die Kultivierung der Opferrolle verhindert aber eine Anerkennung der Probleme, die es nun einmal gibt, und eine aktive Rolle bei deren Lösung.

Griechische Roma-Führer wollen mit dem Fall der kleinen Maria am liebsten nichts zu tun haben. Der Präsident der örtlichen Roma-Gemeinschaft von Farsala, Babis Dimitriou, sagte gegenüber Associated Press, der Fall »Maria« spiegele nicht alle Roma wider, man fürchtet, nun als Kinderhändler stigmatisiert zu werden. Dimitriou distanzierte sich von den bulgarischen Roma und behauptete, die griechische Roma-»Adoptivmutter« habe sich hervorragend um Maria gekümmert, besser als um ihre leiblichen Kinder. Es gebe keinen An- und Verkauf von Kindern, die Roma seien schlicht Familienmenschen, die Durchsuchungen im Dorf einfach rassistisch.

Nikos Paiteris, das Oberhaupt der griechischen Roma in Thessalien, lehnte ebenfalls strikt eine Verantwortung ab: »Nie in der Geschichte Griechenlands hat es Kinderhandel gegeben! Ich sage: Ein isolierter Einzelfall. Ich wiederhole: ein isolierter Einzelfall!«

Die Diskussion ist ritualisiert und gleicht Rollenspielen

Die Diskussion über das Thema ist weitgehend ritualisiert, die Rollen sind vorab vergeben. Wenn z. B. ein Roma-Lager in Paris wegen unhaltbarer Zustände planiert wird, lädt das Fernsehen zur Talkshow ein. Deren Inhalt ist vorprogrammiert: Es wird über Rassismus, Vorurteile, Populismus und Ähnliches geredet und es werden Klischees bedient. Das ist bequem. Dabei wird von den Roma regelrecht erwartet, bestimmte, vorgefertigte Statements der Empörung abzugeben. Die Spielregeln sind so klar wie unverantwortlich.

Aufgrund meiner Einblicke, die ich in Südspanien in das Leben der dortigen »Gitanos« nehmen konnte (die wesentlich besser in die spanische Gesellschaft integriert sind als offenbar die Roma in Bulgarien und Griechenland), sehe ich es als unabdingbar an, mögliche Identifikationsfiguren der Roma viel stärker in einen lösungsorientierten Veränderungsprozess einzubinden. Roma-Künstler stilisieren sich nicht selten als Götter, stellen ihren Reichtum ungeniert zur Schau, das ist auch Teil der Tradition, aber was tun sie für den Rest der Unglücklichen?

In allen europäischen Ländern, gerade auch in Griechenland und Bulgarien, gab und gibt es namhafte Roma, die es zu Ruhm und Anerkennung für ihren kulturellen Beitrag gebracht haben. Ihre Vermittlerrolle und ihre Stimme wären gefragt. In aller Ehrlichkeit allerdings nur. Kein angekommener Roma-Künstler, kein Verbandssprecher möchte so leben wie oftmals die Roma in Bulgarien und Rumänien, geschweige denn eine Großfamilie bei sich zu Hause aufnehmen.

Kritik an den derzeitigen Aufnahmeländern ist wohlfeil, aber durch und durch unehrlich. Erst wer die Clan-Bosse und die verkrusteten Strukturen innerhalb der Clans kritisiert, kann ernst genommen werden. Es geht um nicht weniger, als einen Spannungsbogen auszuhalten, der von abscheulicher Armut, Dreck und Verbrechen bis hin zu eindrucksvoller Kultur reicht. Was damit gemeint ist, illustrieren nachfolgende Videos.

Zigeuner im Vaterlandspark, Oslo.

Zigeunerhochzeit am Strand bei der bekannten spanischen Großfamilie Montoya: Faszinierend, wie Gesang und Tanz ineinandergreifen und jeder seine Rolle spielt wie durch geheimnisvolle Hand arrangiert.

Fazit:

Das Thema Kinderhandel und Kinderausbeutung mitten in Europa und die besondere Funktion, die Roma-Camps beim Kinderhandel offenbar spielen, müssen thematisiert werden können. Tun wir das nicht, so geschieht dies auf dem Rücken der Kinder, die in die Mühlen dieser Netzwerke geraten. Wir arbeiten damit nicht nur den reichen Roma-Bossen zu, sondern auch den im Hintergrund lauernden Endabnehmern des Organhandels und der Pädophilennetze.

Originalartikel bei Kopp-Verlag