Erfolgsgesetze von Napoleon Hill – Teil 7/8

Erfolgsgesetze von Napoleon Hill – Teil 7/8

Warum ich die Armut für eine der reichsten Erfahrungen halte, die ein Bub machen kann
Ich verdiene meinen Lebensunterhalt mit der Herausgabe einer Frauenzeitschrift.
Und weil meine Leserschaft diese Zeitschrift so großzügig angenommen
hat, ist ein Teil dieses Erfolgs auch auf mich abgefallen. Eine Reihe meiner sehr
geschätzten Leserinnen teilen eine Auffassung, die ich schon oft versucht war, zu
korrigieren, eine Versuchung, der ich nun nachgeben werde. Meine Leserinnen
äußern sich unterschiedlich zu diesem Thema, aber die nachstehende Wiedergabe
ist ein guter Querschnitt der zum Ausdruck gebrachten Anschauungen:
„Es ist sehr leicht für euch, Sparsamkeit zu predigen, wenn ihr sie nicht nötig
habt: Uns zu erzählen, wie wir – in meinem eigenen Fall – mit dem Einkommen des
Gatten von achthundert Dollar im Jahr auskommen sollen, wenn ihr selbst nie
erfahren habt, wie man mit weniger als tausend Dollar leben soll. Ist euch, die
ihr mit dem sprichwörtlichen silbernen Löffel im Mund auf die Welt gekommen
seid, schon mal in den Sinn gekommen, dass alle Theorie angesichts des harten
Alltags, den so viele von uns durchstehen müssen, verblasst? Wisst ihr, wie es
ist, wenn man von der Hand in den Mund leben muss? Sicherlich ist euch das

nicht bekannt!“

„Sicherlich ist euch das nicht bekannt …?“
Nun, wie weit beruht diese Anschuldigung auf Tatsachen?
Ob ich mit einem goldenen Löffel geboren wurde, vermag ich nicht zu sagen. Es
ist durchaus richtig, dass es meinen Eltern relativ gut ging. Aber als ich sechs
Jahre alt war, verlor mein Vater alles, was er hatte und konnte sich als Fünfundvierzigjähriger
in einem fremden Land nicht einmal die Grundbedürfnisse
erfüllen. Es gibt Männer und deren Frauen, die wissen, was das bedeutet: als
Fünfundvierzigjähriger im Ausland wieder Fuß fassen zu wollen!
Ich hatte das Problem, dass ich kein einziges Wort der englischen Sprache verstand
oder gar sprach. Ich ging auf die öffentliche Schule und lernte so gut ich
eben konnte. Das war nicht gerade viel. Die Buben waren unbarmherzig, wie
Buben halt sind. Die Lehrer war ungeduldig, wie übermüdete Lehrer halt sind.
Mein Vater schaffte es nicht mehr. Meine Mutter, die an Bedienstete gewöhnt
war, musste sich nun selbst um den Haushalt kümmern und war damit überfordert.
Und Geld gab es sowieso nicht.
Nach den Unterrichtsstunden gingen mein Bruder und ich nach Hause – aber
nicht zum Spielen. Für uns hieß es dann, der Mutter zur Hand zu gehen. Nicht
nur einige Tage, sondern jahrelang standen wir zwei Buben im kalten Morgengrauen
auf und mussten aus den warmen Betten; wir siebten die Kohlenasche
vom Vortag, um damit wieder etwas Wärme in das Zimmer zu bringen. Dann
deckten wir den Tisch für ein mageres Frühstück, gingen zur Schule und gleich
danach wieder nach Hause, um abzuwaschen und den Boden zu fegen und zu
schrubben. Wir wohnten in einer Drei-Familien-Mietskaserne, jede dritte Woche
waren wir an der Reihe, um vom dritten bis zum ersten Stock alles sauber zu machen.
Auch draußen. Das war die härteste Arbeit, wir erledigten sie deshalb an
den Samstagen, wobei die Nachbarskinder nicht allzu freundlich herüberblickten,
während sie sich mit ihren Baseballschlägern vergnügten.
Abends, wenn die anderen Buben neben der Lampe ihre Hausaufgaben machen
konnten, ging wir beiden Buben mit einem Korb auf Holz- und Kohlensuche in den
umliegenden Grundstücken oder klaubten die Briketts auf, die der Kohlenhändler
verloren hatte, in der Hoffnung, dass er sie nicht mehr einsammeln würde.
Als ich zehn Jahre alt war, bekam ich meine erste Arbeit als Fensterputzer in
einer Bäckerei. Mein Lohn betrug fünfzig Cent die Woche. Nach knapp zwei Wochen
durfte ich hinter dem Schalter stehen und Brot und Kuchen verkaufen. Das
brachte mir einen Dollar die Woche. Ich überreichte den Kundinnen frisch gebackenes
Brot und Kuchenstücke, ich selbst aber bekam den ganzen Tag keinen
einzigen Bissen davon ab.
Am Samstagmorgen übernahm ich dann eine Strecke als Austräger eines Wochenblatts,
was übrig blieb, verkaufte ich auf der Straße. Das bedeutete weitere
sechzig bis siebzig Cent für mich.
Ich wohnte in Brooklyn, New York, und das Hauptbeförderungsmittel nach Coney
Island war damals die Pferdekutsche. In der Nähe unserer Wohnung hielten die
Kutschen an und die Kutscher gaben den Pferden Wasser. Die Männer sprangen
heraus, um ebenfalls etwas zu trinken, die Frauen gingen leer aus. Als ich
diese Situation mitbekam, füllte ich einen Eimer mit Wasser und ein bisschen Eis
und mit einem Glas schöpfte ich dann Wasser heraus und verkaufte es zu einem
Cent pro Glas am Samstagnachmittag an die Reisenden. Als dann die Konkurrenz
dazu kam, was sehr rasch der Fall war, weil ein Nebenverdienst von zwei
oder drei Dollar immer auch andere Buben anlockte, drückte ich eine Zitrone
über meinem Eimer aus und verkaufte „Limonade“. Mein Preis betrug zwei Cent
pro Glas, was mir an einem Sonntag um die fünf Dollar einbrachte.
Dann wurde ich Abendreporter, manchmal arbeitete ich auch als Bürojunge und
lernte um Mitternacht Stenographieren.
Meine Leserin sagt, dass sie ihre Familie mit Ehemann und Kind mit achthundert
Dollar pro Jahr durchbringen muss und sagt auch, dass ich nie gewusst hätte,
was das bedeute. Ich selbst habe eine dreiköpfige Familie mit einem Wochenlohn
von sechs Dollar und fünfundzwanzig Cent ernährt – das ist weniger die Hälfte
ihres Jahreseinkommens. Als mein Bruder und ich – wir beide zusammen – achthundert
Dollar im Jahr nach Hause brachten, fühlten wir uns reich!
Ich gehe heute zum ersten Mal auf diese Begebenheiten ein, damit Sie aus erster
Hand erfahren, dass Ihre Frauenzeitschrift von keinem Theoretiker geleitet wird,
der Sparsamkeit predigt und nicht weiß, wovon er spricht. Auf dem Weg der
Armut gibt es nicht einen einzigen Zoll, den ich nicht auch selbst gegangen wäre.
Ich kenne jeden Gedanken, jedes Gefühl und jede Mühe, die dieser Weg mit sich
bringt und ich freue mich heute für jeden Buben, der dieselbe Erfahrung hinter
sich hat.
Ich möchte heute die Erfahrung meiner jahrelange Entbehrung keineswegs vermissen.
Ich weiß, was es bedeutet nicht einen ganzen Dollar, sondern nur zwei
Cent zu verdienen. Ich kenne den Wert des Geldes und habe diesen Wert schätzen
gelernt. Eine bessere Vorbereitung auf das Leben hätte ich nicht haben können.
Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie es ist, wenn der Tag bevorsteht und kein
einziger Penny vorhanden ist, wenn kein Brot im Schrank ist und der Ofen keine
Kohle hat. Ein neun- oder zehnjähriger Bub, dem der Magen knurrt, und dessen

Mutter verzweifelt ist.

„Sicherlich ist euch das nicht bekannt …?“
Und dennoch bin ich dankbar für diese Erfahrung. Ich sage es nochmals: Ich
möchte diese Erfahrung keinesfalls vermissen und ich vergönne sie jedem Buben.
Aber – und hier kommt die Auflösung, warum ich die Armut für einen versteckten

Segen halte – ich glaube an die Armut als Erfahrung, die man durchgemacht haben

sollte – um sie dann hinter sich zu lassen. „Alles gut und schön“, werde einige
einwenden oder „leichter gesagt als getan. Wie soll das gehen?“ Niemand kann
eine schlüssige Antwort darauf geben. Auch mir hat es niemand gesagt. Keine
zwei Menschen werden den selben Ausweg aus der Misere finden, jeder muss
seinen eigenen Weg gehen. Es hängt von jedem einzelnen Buben selbst ab. Ich
selbst war fest entschlossen, die Armut hinter mir zu lassen, weil meine Mutter
so sehr darunter litt und dies kein Platz für sie war. Das lieferte mir die erste
Voraussetzung: Einen Grund.
Dann kamen Anstrengungen und die Arbeitsbereitschaft hinzu. Ich war bereit,
jede Arbeit anzunehmen, wenn sie mir nur dazu verhalf, der Armut den Rücken
kehren zu können. Ich war nicht wählerisch. Ich nahm‘s wie‘s kam und tat mein
Bestes, um die Arbeit gut zu machen. Und wenn mir die Arbeit nicht gefiel,
machte ich sie trotzdem so gut wie ich‘s konnte, ich sah aber zu, dass ich sie
nicht länger machen musste, als ich wollte. Ich benutze jede Sprosse in der Leiter,
um mich ein Stück emporzuhangeln. Das bedeutete Mühe, aber die Mühe
brachte Erfahrung. Es ging weiter. Es brachte auch die Fähigkeit, zu verstehen
und mitzufühlen. Das alles erhält ein Bub von der Armut.
Deshalb glaube ich an den Segen der Armut, aber – ich wiederhole – immer als
Zwischenstation, nie als Endstation.

Bevor Sie die Gewohnheit der Selbstbeherrschung entwickeln können, müssen
Sie die wahre Notwendigkeit dieser Eigenschaft verstehen. Sie müssen
auch verstehen, welche Vorteile die Selbstbeherrschung jenen, die sich in ihr
üben, mit sich bringt.
Indem Sie die Selbstbeherrschung entwickeln, fördern Sie im Gefolge auch
noch andere Eigenschaften, was Ihrer Persönlichkeit zusätzlich zugute
kommt. Hierzu gehört unter anderem, dass Ihnen das Gesetz der Vergeltung
zur Verfügung steht.
Was bedeutet „vergelten“?
So wie dieses Wort hier gebraucht wird, bedeutet es, Gleiches mit Gleichem
zu vergelten, das heißt, es mit der gleichen Münze zu erwidern. Das ist keineswegs
auf Rache beschränkt.
Falls ich Ihnen eine Verletzung zufüge, zahlen Sie es mir bei der erstbesten Gelegenheit
wieder heim. Falls ich Ihnen ungebührliche Dinge an den Kopf werfe,
kontern Sie auf der selben Ebene oder setzen sogar noch eines drauf.
Falls ich Ihnen aber einen Gefallen erweise, revanchieren Sie sich sogar noch
mit einem größeren Gefallen, soweit Ihnen dies möglich ist.
Über dieses Gesetz kann ich Sie dazu bringen, dass Sie alles tun, was ich mir
von Ihnen wünsche. Wenn ich möchte, dass Sie mich nicht mögen und dass
Sie Ihren Einfluss gegen mich richten, erreiche ich das gewünschte Ergebnis,
indem ich Sie so behandle, wie ich von Ihnen behandelt werden möchte.
Falls ich mir von Ihnen Respekt, Freundschaft und Zusammenarbeit wünsche,
kann ich dies erreichen, indem ich Ihnen meinerseits Freundschaft und
Zusammenarbeit anbiete.
Soweit werden Sie mir noch zustimmen. Sie können dies mit Ihren eigenen
Erfahrungen vergleichen und werden die Richtigkeit dieser Aussagen leicht

nachvollziehen können.

Fortsetzung folgt!