Erfolgsgesetze von Napoleon Hill – Teil 5/5

Erfolgsgesetze von Napoleon Hill – Teil 5/5

Als es nötig wurde, seine Bemühungen in eine neue Richtung zu lenken, entdeckte
er, dass er über Vorstellungsvermögen verfügte.

Erst wenn Sie Ihre Bemühungen mit Ihrer Vorstellungskraft verbinden, werden
Sie erkennen, was in Ihnen steckt und wozu Sie in der Lage sind. Das
Produkt Ihrer Hände Arbeit, abzüglich Vorstellungskraft, wird Ihnen nur eine
bescheidene Rendite einbringen, mit denselben Händen aber können Sie ein
Vielfaches verdienen, wenn Sie auch Ihre Vorstellungskraft zu Hilfe nehmen!

Sie können Ihre Vorstellungskraft auf zweierlei Arten nutzen. Sie können diese
Fähigkeit in Ihrem eigenen Geiste entwickeln oder Sie können sich mit jemandem
zusammentun, bei dem diese Kraft bereits voll ausgereift ist.
Andrew Carnegie tat beides. Er nutzte nicht nur seine eigene Vorstellungskraft,
sondern umgab sich auch mit tüchtigen Männern, die ihrerseits mit dieser
so wertvollen Eigenschaft gesegnet waren, da sein zentrales Ziel Fachleute
in den unterschiedlichsten Bereichen verlangte. In dieser Gruppe, die
Carnegies „Mastermind“ bildeten, waren Männer, deren Vorstellungskraft auf
den Bereich der Chemie begrenzt war. Andere wiederum richteten ihre Vorstellungskraft
auf den Bereich der Finanzen. Wieder andere konzentrierten
ihre Vorstellungskraft auf Vertrieb und Verkauf. Einer davon war Charles M.
Schwab, der als der fähigste Verkäufer in Carnegies Team galt.

Falls Sie der Auffassung sind, dass Ihre eigene Vorstellungskraft und Fantasie
nicht ausreiche, sollten Sie mit jemanden eine Verbindung eingehen, dessen
Vorstellungsvermögen weit genug entwickelt ist, um Ihre eigene Schwäche
auszugleichen. Es gibt eine Vielzahl von Verbindungen und Gruppierungen. Zu
nennen sind zum Beispiel das Bündnis der Ehe, oder eine geschäftliche Partnerschaft
oder eine Verbindung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer.
Nicht jedermann ist als Arbeitgeber geeignet und wem diese Gabe abgeht,
der kann sich mit Personen zusammenschließen, die in diesem Bereich über
die gebotene Vorstellungskraft verfügen.

Man sagt, dass Mr. Carnegie mehr seiner Mitarbeiter zu Millionären gemacht
habe als jeder andere Arbeitgeber in der Stahlbranche. Einer davon
war Charles M. Schwab, der eine ausgeprägte Vorstellungsgabe mit einer
gut entwickelten Urteilskraft kombinierte, indem er sich mit Mr. Carnegie zusammentat.
Es ist nichts Unehrenhaftes daran, im Arbeitnehmerstand zu
arbeiten. Nicht selten ist dies die Seite eines Bündnisses, die sich als die rentablere
erweist, zumal nicht jedermann dazu geschaffen ist, die mit Führungsaufgaben
verbundene Verantwortung zu übernehmen.

Vermutlich gibt es keinen anderen Bereich, in dem die Vorstellungskraft eine
so große Rolle spielt wie im Vertrieb und Verkauf. Der Spitzenverkäufer sieht
die Vorzüge der von ihm angebotenen Produkte oder Leistungen in seiner
Vorstellung und falls er dies nicht tut, wird er auch keinen Verkaufsabschluss
erzielen!

Vor einigen Jahren wurde ein Verkauf zum Abschluss gebracht, der als der
weitreichendste und bedeutenste seiner Art gilt. Bei diesem Verkauf ging es
um keine Ware, sondern um die Freiheit eines Mannes, der im Strafgefängnis
von Ohio einsaß und um die Durchführung einer Strafreform, welche für
die Männer und Frauen, die mit dem Gesetz in Konflikt gekommen sind, nachhaltige
Veränderungen mit sich bringt.

Damit Sie nachvollziehen können, auf welche Weise das Vorstellungsvermögen
hier eine Rolle spielte, darf ich diesen „Verkauf“ für Sie analysierten, wobei
ich nicht umhin kann, wiederholt auf mich selbst Bezug zu nehmen; ohne
diese Bezugnahme würde der Veranschaulichungswert jedoch eingebüßt
werden.

Vor einigen Jahren wurde ich gebeten, vor den Insassen des Strafgefängnisses
von Ohio einen Vortrag zu halten. Als ich auf die Sprecherbühne trat,
sah ich vor mir im Publikum einen Mann, den ich über zehn Jahre vorher
als erfolgreichen Geschäftsmann kennen gelernt hatte. Dieser Mann war
B., dessen Begnadigung ich später erreichen konnte. Die Geschichte seiner
Entlassung ging durch praktisch alle amerikanischen Zeitungen. Eventuell
erinnen Sie sich daran.

Nachdem ich meinen Vortrag beendet hatte, sprach ich B. an und fand heraus,
dass er wegen Urkundenfälschung zu einer zwanzigjährigen Gefängnisstrafe
verurteilt worden war. Ich hörte mir seine Geschichte an und sagte
dann:

„Ich weniger als sechzig Tagen habe ich Sie hier raus!“

Er zwang sich zu einem Lächeln und antwortete: „Ich bewundere Ihre Initiative, bezweifle
aber, dass Sie die Situation richtig einschätzen können. Wissen Sie, mindestens
zwanzig einflussreiche Männer haben bereits alles versucht, um mich hier rauszuholen.
Alles ohne Erfolg! Es ist einfach nicht möglich!“

Ich vermute, dass es seine letzte Bemerkung – „es ist einfach nicht möglich“
– war, die mich herausforderte. Ich wollte ihm beweisen, dass es durchaus
möglich war. Ich kehrte wieder nach New York City zurück und bat meine
Frau, ihre Koffer zu packen und sich auf einen Aufenthalt unbestimmter Dauer
in Columbus einzurichten. Dort befand sich diese Strafanstalt.
Ich hatte ein zentrales Ziel im Kopf! Dieses Ziel war die Entlassung von B.
aus dem Gefängnis. Aber nicht nur das. Ich wollte auch, dass er vom Makel
eines „Knasti“ befreit würde.

Ich zweifelte nicht ein einziges Mal daran, dass dieses Ziel erreichbar sei,
denn ein Verkäufer, der mit einer Haltung des Zweifels an seine Aufgabe
herangeht, kann keinen erfolgreichen Abschluss tätigen. Meine Frau und ich
fuhren also nach Columbus und bezogen unser Quartier.

Am nächsten Tag suchte ich den Gouverneur von Ohio auf und eröffnete ihm
mein Anliegen wie folgt:

„Herr Gouverneur, ich bin kommen, um Sie um die Freilassung von B. zu bitten. Ich habe
berechtigte Gründe für meine Bitte und hoffe, dass Sie ihm seine Freiheit ohne weitere
Verzögerung gewähren, ich bin jedoch bereit, solange zu bleiben, bis er auf freien Fuß
gesetzt wird, egal, wie lange das dauern wird.

Wie Sie sicherlich wissen, hat B. während seines Gefängnisaufenthaltes im Strafgefängnis
von Ohio einen Korrespondenzkursus ins Leben gerufen. Er konnte 1729 der insgesamt
2518 Insassen des Strafgefängnisses von Ohio dazu bewegen, an diesem Kurs
teilzunehmen. Er hat es geschafft, in ausreichender Anzahl schriftliche Unterlagen und
Kursmaterial zu beschaffen und hat dafür nicht einen einzigen Penny desStaates Ohio in
Anspruch genommen. Vom Gefängnisdirektor und vom Kaplan des Gefängnisses habe
ich erfahren, dass er die Gefängnisregeln genauestens eingehalten hat.

Einen Mann, der dergestalt auf 1729 Männer einwirken kann, dass diese an sich selbst
arbeiten, kann ich mir nicht als einen schlechten Menschen vorstellen.

Ich bin gekommen, um Sie um seine Freilassung zu bitten, weil ich ihn an die Spitze einer
Gefängnisschule setzen möchte, die den 160.000 Insassen der übrigen amerikanischen
Gefängnisse ebenfalls eine Chance auf Verbesserung bieten soll. Ich bin bereit, mich für
sein Verhalten nach seiner Entlassung zu verbürgen.

Soweit mein Anliegen. Bevor Sie mir Bescheid geben, gestatten Sie mir noch den Hinweis,
dass ich durchaus weiß, dass Ihre politischen Gegner die Entlassung von B. genüsslich
ausschlachten werden. Ich weiß auch, dass dies soweit gehen kann, dass Sie bei der
nächsten Wahl nicht mehr unter den Kandidaten sein werden.“

Der Gouverneur von Ohio, Vic Donahey, strich sich über sein breites Kinn.
Dann sagte er:

„Wenn Sie mit B. das vorhaben, was Sie mir soeben erzählt haben, setze ich ihn auf
freien Fuß, auch wenn es mich fünftausend Stimmen kosten sollte. Bevor ich die Begnadigung
unterzeichne, bitte ich Sie jedoch, den Begnadigungsausschuss aufzusuchen und
die Empfehlung des Direktors und des Gefängniskaplans einzuholen. Sie wissen, dass
ein Gouverneur immer der öffentlichen Meinung ausgesetzt ist und diese Herren sind in
diesem Fall die Vertreter der Allgemeinheit.“

Damit war der Abschluss getätigt. Und es hatte nicht einmal fünf Minuten
gedauert.

Am nächsten Tag wurde ich nochmals im Büro des Gouverneurs vorstellig.
Diesmal war der Kaplan mit dabei. Wir ließen den Gouverneur wissen, dass
die Freilassung von allen drei Seiten – Begnadigungsausschuss, Gefängnisdirektor
und Kaplan – befürwortet wurde. Drei Tage später wurde die Begnadigung
unterzeichnet und B. trat durch die schmiedeeisernen Tore in die
Freiheit hinaus.

Sie werden an dieser Schilderung erkannt haben, dass die Transaktion im
Grunde ganz einfach war. Die Voraussetzungen waren bereits gegeben, bevor
ich überhaupt in Erscheinung trat. B. selbst hatte dafür gesorgt, einerseits
durch seine gute Führung und andererseits durch den Dienst, den er 1729
Mitinsassen gewährt hatte. Mit der Ausfertigung des Korrespondenzkurses
fertigte er auch den Schlüssel, der ihm die Freiheit aufschloss.

Warum hatten es dann die anderen, die sich ebenfalls um seine Freilassung
bemüht hatten, nicht geschafft?

Weil ihnen eines fehlte:

Vorstellungskraft!

Vielleicht begründeten sie das Begnadigungsgesuch damit, dass B. weithin
bekannte Eltern hatte, oder dass er Hochschulabsolvent war oder dass er
nicht gemeingefährlich sei. Sie versäumten es aber, dem Gouverneur von
Ohio einen Grund zu liefern, der eine Begnadigung rechtfertigen würde.
Hätten sie das getan, wäre B. bereits wesentlich früher entlassen worden.

Bevor ich den Gouverneur aufsuchte, nahm ich mir alle Fakten vor und versetzte
mich in meiner Vorstellungskraft in die Lage des Gouverneurs. Ich
überlegte mir, welche Art von Präsentation mich am nachhaltigsten ansprechen
würde, wenn ich an seiner Stelle wäre.

S. 236

Fortsetzung folgt!