Erfolgsgesetze von Napoleon Hill – Teil 5/2

Erfolgsgesetze von Napoleon Hill – Teil 5/2

Sofern Sie mit der Funktionsweise des Bewusstseins noch nicht vertraut

sind, erscheinen Ihnen diese Erläuterungen unter Umständen zu abstrakt, es
ist jedoch notwendig, sie in dieser Lektion zu behandeln, damit Sie das Thema
dieser Kurseinheit besser verstehen und dementsprechend besser nutzen
können. Die Vorstellungsgabe wird allzu häufig nur als ein ungenaues, nicht
greifbares und nicht beschreibbares Etwas gesehen, das nichts als Dichtung
und Fiktion hervorbringt. Genau diese landläufig unverstandenen Fähigkeiten
der Vorstellungsgabe sind es, die mehr oder weniger abstrakte Hinweise auf
eines der wichtigsten Themen dieses Kurses erforderlich machen. Das Thema
des Vorstellungsvermögens ist nicht nur ein wichtiger Kursbestandteil,
es ist auch ein sehr interessantes Thema. Sie werden dies noch feststellen,
sobald Sie immer mehr erkennen, auf welche Weise es Ihnen bei der Erreichung

Ihres zentralen Ziels behilflich ist.

Sie werden sehen, wie wichtig das Thema der Vorstellungskraft ist, sobald
Sie sich bewusst werden, dass diese Kraft das Einzige auf der Welt ist, über
das Sie die uneingeschränkte Kontrolle haben! Man kann Ihnen Ihren materiellen
Besitz nehmen, man kann Sie betrügen und hintergehen, aber die
Kontrolle, die Sie über Ihre Vorstellungskraft haben, kann Ihnen niemand nehmen.
Man kann Sie unfair behandeln, man kann Ihnen die Freiheit entziehen,

aber niemand kann Sie davon abhalten, sich vorzustellen, was Sie wollen!

Das inspirierendste Gedicht der gesamten Literatur stammt aus der Feder
von Leigh Hunt, während er in einem englischen Kerker schmachtete, weil
seine politischen Ansichten für seine Zeit zu progressiv waren. Diese Verserzählung
trägt den Titel „Abu Ben Adhem“ und wird hier als Erinnerung daran
wiedergegeben, dass ein Mensch in seiner Vorstellung in der Lage ist, seinen

Peinigern zu vergeben.

Abu Ben Admen (Möge sein Stamm sich vermehren)
erwachte eines Nachts aus einem Traum über Frieden
und sah im Mondlicht in seinem Raum,
ihn bereichernd und wie eine blühende Lilie,
einen Engel; dieser schrieb in ein Buch aus Gold.
Was ist ein Engel?
Du weißt es doch!
Ich sage es dir.
Sie bewachen oben im Himmel alles um Gott herum.
Zu viel Frieden machte Ben Adhem kühn.
Wer ist Ben Adhem?
Der Mann, dem das alles passiert.
Jetzt mach die Augen zu und hör mir zu, Malcolm.
Leg dich hin und stell keine Fragen.
Und der Erscheinung im Raum sagte er:
„Was schreibst du?“
Die Erscheinung hob den Kopf und mit einem Blick voll süßer Zustimmung
sagte sie: „Die Namen derer, die den Herrn lieben“.
„Ist der meine dabei?“ fragte Abu,
„Nein, deiner nicht“, antwortete der Engel.
Abu sprach leise, aber immer noch froh:
„Ich bitte dich, schreib mich als einen dazu, der den Herrn liebt“.
Der Engel schrieb und verschwand.
Die darauffolgende Nacht erschien er wieder mit einer großen Laterne
und zeigte die Namen derer, die Gott gesegnet hatte.
Und fürwahr, Ben Adhems Name stand als erster auf der Liste.

Die Zivilisation verdankt ihre Existenz Männern wie Leigh Hunt, in dessen Vorstellung
höhere und edlere Standards für den Umgang unter den Menschen
präsent waren. „Abu Ben Adhem“ ist ein Klassiker der Menschheit, weil ein
Mann sich die Hoffnung auf ein Ideal vorstellen konnte, das konstruktiv ist.

Das größte Problem auf dieser Welt ist heute unser Nichtverständnis der
Vorstellungskraft, denn wenn wir diese Kraft verstünden, könnten wir sie
uns bei der Ausmerzung von Armut, Ungerechtigkeit und Verfolgung zunutze
machen. Das könnte innerhalb einer einzigen Generation geschehen. Das ist
eine ziemlich kühne Behauptung und niemand weiß besser als der Verfasser
dieses Kurses, wie nutzlos eine solche Behauptung wäre, wenn das Prinzip,
auf dem sie beruht, nicht auf nachvollziehbare und praktische Weise erklärt

würde. Deshalb wollen wir uns diesem Punkt jetzt widmen.

Um diese Beschreibung verstehen zu können, müssen wir das Prinzip der Telepathie
als gegeben annehmen. Über dieses Prinzip wird jeder Gedanke, den
wir ausgeben, von anderen Menschen wieder aufgefangen. Mit dem Nachweis
der Telepathie brauchen wir keine Zeit zu verschwenden, denn die vorliegende
Lektion über das Vorstellungsvermögen bringt dem Kursteilnehmer,
der sich hierüber nicht genügend informiert hat und die Telepathie nicht als
Tatsache akzeptieren kann, nicht den geringsten Nutzen. Wir unterstellen
also, dass Sie zu denen gehören, die sich mit Gedankenübertragung bereits

beschäftigt haben und Sie als Tatsache anerkennen.

Sie kennen vielleicht den Ausdruck „Massenpsychologie“. Damit ist nicht
mehr und nicht weniger gemeint, als dass eine starke und vorherrschende
Idee, welche im Bewusstsein einer oder mehrerer Personen entstanden ist,
über das Prinzip der Telepathie in die Bewusstseine anderer Personen gelangt
ist. Die Macht der Massenpsychologie ist dermaßen stark, dass zwei
Männer, die auf der Straße miteinander kämpfen, nicht selten unter den Umstehenden
ebenfalls eine Kampfhaltung oder Auseinandersetzung auslösen.
Die Zuschauer beginnen dann ihrerseits, aufeinander einzuschlagen, ohne

überhaupt zu wissen, weshalb und warum.

Am Tag des Waffenstillstands (11. November 1918) konnten wir zur Genüge
sehen, wie das Prinzip der Telepathie wirkt. In diesem Ausmaß hatte es die
Welt vorher noch nicht gesehen. Ich erinnere mich gut daran, welche Wirkung
dieser Gedenktag auf mich hinterlassen hat. Der Eindruck war so stark,
dass ich um drei Uhr nachts aufwachte, und zwar genau so, als hätte mich
jemand mit körperlicher Kraft aus dem Schlaf gerissen. Als ich mich im Bett
aufsetzte, wusste ich, dass etwas Außergewöhnliches geschehen war und
dieser Eindruck drängte mich förmlich dazu, aufzustehen, mich anzukleiden
und auf die Straßen von Chicago hinauszugehen, wo ich tausende weiterer
Personen vorfand, die unter demselben Bann standen. Jeder wollte wissen:

„Was ist denn los? Was ist passiert?“

Folgendes war geschehen:
Millionen von Männern hatten den Befehl erhalten, die Kampfhandlungen einzustellen
und ihre gesammelte Freude war so groß, dass die gesamte Welt
von einer Gedankenwelle überschwemmt wurde und von jedem normalen
Bewusstsein, das zur Registrierung einer Gedankenwelle in der Lage war,
aufgefangen wurde. Wahrscheinlich hatten nie zuvor in der Geschichte der
Menschheit so viele Millionen Menschen zur selben Zeit und auf diese Weise
denselben Gedanken. Einen Augenblick lang fühlten alle Menschen etwas
Gemeinsames und dies wirkte sich in einer weltweiten „Massenpsychologie“
aus.
In diesem Zusammenhang darf ich Sie auch nochmals auf die Ausführungen
über das „Mastermind“ aus der Einführungslektion hinweisen. Denken Sie an

die dort beschriebene Harmonie zwischen zwei oder mehr Bewusstseinen.

Veranschaulichen wir uns die Anwendung dieses Prinzips etwas besser, indem
wir uns ansehen, wie es eine harmonische Arbeitsbeziehung in einem
Betrieb oder Geschäft fördern oder vereiteln kann. Vielleicht war Ihnen nicht
bewusst, dass es die Verbundenheit im Denken eines Millionenheers von Soldaten
war, welches von unzähligen Menschen auf der Welt aufgenommen
wurde und den massenpsychologischen Zustand herbeiführte, der am Tag
des Waffenstillstands überall zu spüren war, Sie brauchen jedoch sicherlich
keinerlei Beweis dafür, dass ein verärgerter oder mürrischer Mensch immer
jeden stört, mit dem er in Berührung kommt. Es ist allgemein bekannt,
dass eine solche Person die gesamte Arbeitsorganisation beeinträchtigt. Es
dürfte nicht mehr lange dauern, bis sowohl Arbeitnehmer wie auch Arbeitgeber
einen solchen „Störenfried“ grundsätzlich nicht mehr dulden werden, da
sich die geistige Einstellung eines solchen Muffels auf alle anderen, die mit
ihm zu tun haben, negativ auswirkt und Misstrauen, Verdächtigungen und
mangelnder Zusammenhalt die Folge sind. Einem solchen Miesmacher wird
man dann den Zutritt zu den eigenen Reihen ebenso verwehren wie einer Giftschlange.

Wenden wir dieses Prinzip nun andersherum an: Falls ein optimistischer und
positiver Mensch, der es zu seinem Anliegen gemacht hat, Samen der Harmonie
auszusäen, zu einer Gruppe von Arbeitern stößt, wird sich sein Einfluss

bei jedem seiner Kollegen bemerkbar machen.

Falls jedes Geschäft, „der erweiterte Schatten eines einzigen Menschen“ ist
– wie Emerson dies ausgedrückt hat -, liegt es nahe, dass ein Einziger, der
den Schatten der Zuversicht, eines frohen Mutes und einer inneren Ausgeglichenheit
wirft, diese Eigenschaften auf alle anderen, die mit ihm zu tun haben, überträgt.

Im nächsten Schritt bei der Anwendung der Vorstellungskraft für die Erlangung
von Erfolg werden die neuesten und modernsten Beispiele für die Schaffung
materiellen Wohlstands und die Vervollkommnung der führenden Erfindungen

der Welt herangezogen.

Dabei sollten Sie bitte bedenken, dass es „nichts Neues unter der Sonne“
gibt. Alles ist vergleichbar mit einem riesigen Kaleidoskop, vor dem sich die
Szenen, Fakten und materiellen Substanzen immer wieder verändern und
abwechseln und der Mensch kann dabei nichts anders tun, als diese in neue

Kombinationen zu bringen und sie neu zu arrangieren.

Hierzu bedienen wir uns der Vorstellungskraft.
Wir haben bereits erwähnt, dass die Vorstellungskraft sowohl interpretativ
als auch kreativ ist. Sie kann Eindrücke oder Ideen aufnehmen und daraus

neue Kombinationen bilden.

Als erstes Beispiel für die Kraft des Vorstellungsvermögens bei den modernen
industriellen Leistungen wollen wir den Fall des Krämergehilfen Clarence
Saunders nennen, der auf die Idee kam, seine Waren im Selbstbedienungsanlagen

anzubieten.

Fortsetzung folgt!