Erfolgsgesetze von Napoleon Hill – Teil 4/8

Erfolgsgesetze von Napoleon Hill – Teil 4/8

Als der Universitätsmitarbeiter im Büro des Maklers eintraf, fand er diesen
an seinem Schreibtisch sitzend vor einer antiquierten Schreibmaschine vor,
wo er im Zweifinger-Suchsystem einen Brief eintippte. Der Außendienstmann
stellte sich vor, beschrieb dann sein Anliegen und den Kurs, den er anbieten
wollte.

Der Makler hörte interessiert zu.

Nachdem das Verkaufsgespräch zu Ende war, zögerte der Universitätsmitarbeiter
etwas, und warte auf eine Zu- oder Absage von Seiten des eventuellen
Kursteilnehmers. Vielleicht, so dachte er sich, sei seine Botschaft nicht
klar genug gewesen, deshalb ging er nochmals kurz auf die Vorzüge dieses
Kurses ein. Immer noch keine Reaktion.

Der Verkäufer stellte daraufhin eine direkte Frage: „Wollen Sie sich zu diesem
Kurs einschreiben?“

Langsam und träge antwortete der Immobilienmakler:

„Nun, ich weiß nicht, ob ich das tun soll“.

Er sagte mit Sicherheit die Wahrheit. Millionen von Menschen fällt es schwer,
zu einer Entscheidung zu gelangen.

Der Universitätsmitarbeiter war ein fähiger Menschenkenner. Er erhob sich,
setzte sich seinen Hut auf, verstaute seine Unterlagen wieder in seiner Aktentasche
und schickte sich an, wieder zu gehen. Dann wandte er eine etwas
drastische Taktik an und überraschte den Makler mit der Aussage:

„Ich werde Ihnen jetzt etwas sagen, das Ihnen wahrscheinlich nicht gefällt, aber es kann
sich für Sie als sehr wertvoll erweisen.

Sehen Sie sich dieses Büro an, in dem Sie arbeiten. Der Fußboden ist schmutzig, an den
Wänden fällt der Putz ab, die Schreibmaschine sieht aus, als käme sie direkt von der
Arche Noah. Ihre Hosen sind abgescheuert, Ihr Hemdkragen ist schmutzig, Ihr Gesicht
unrasiert und Ihr Blick ist traurig.

Sie können jetzt aufbrausen, das wäre mir sogar recht. Denn das würde Ihnen einen genügend
großen Schock versetzen, um etwas nachzudenken. Das käme Ihnen zugute – und
allen anderen, die von Ihnen abhängig sind.

Ihre Wohnverhältnisse kann ich mir sehr gut vorstellen. Einige kleine Kinder, keines davon
zu schön angezogen und vielleicht auch ein bisschen unterernährt, eine Mutter, die sich
seit drei Jahren ein modischeres Kleid wünscht und deren Augen ebenso traurig dreiblicken
wie die Ihrigen. Dieses Frauchen, das Sie geheiratet haben, hat bei Ihnen ausgehalten,
aber Sie haben ihre Hoffnungen auf ein besseres Leben nicht erfüllt.

Ich spreche jetzt nicht als Kursverkäufer zu Ihnen, weil ich Ihnen diesen Kurs jetzt nicht
einmal gegen einen Barvorschuss verkaufen würde. Sie hätten nämlich nicht die Initiative,
ihn zu Ende zu bringen und Versager wollen wir in unseren Reihen nicht haben.
So wie ich jetzt zu Ihnen spreche, wird es wahrscheinlich unmöglich sein, dass ich Ihnen
diesen Kurs auch in Zukunft schmackhaft machen kann, aber dieses Gespräch wird etwas
bewirken, was bisher noch nie geschehen ist: es wird Sie zum Nachdenken bringen!

Ich werde Ihnen jetzt mit ein paar Worten sagen, warum Sie am Boden sind; warum

Sie auf einer uralten Schreibmaschine herumwerkeln müssen, warum Sie in einem vergammelten
Büro sitzen. Weil Sie entscheidungsunfähig sind!

Ihr Leben lang haben Sie sich vor Entscheidungen gedrückt, bis es soweit gekommen ist,
dass Sie beinahe nicht mehr anders können.

Wenn Sie mir gesagt hätten, dass Sie gerne teilnehmen würden, oder meinetwegen
auch, dass Sie nicht teilnehmen wollen, hätten Sie noch mein Mitgefühl gehabt; dann hätte
ich gewusst, dass dahinter Geldmangel steht. Aber was haben Sie gesagt? Sie sagten
mir, dass Sie nicht wüssten, ob Sie sich einschreiben sollen oder nicht!

Wenn Sie sich nochmals durch den Kopf gehen lassen, was ich Ihnen gesagt habe, werden
Sie sicherlich zu der Einsicht gelangen, dass Sie sich die Gewohnheit angeeignet
haben, sich um klare Entscheidungen zu drücken. Das betrifft nicht nur diese Sache,
sondern so ziemlich alles“.

Der Immobilienmakler klebte auf seinem Stuhl, seine Kinnlade war heruntergefallen
und seine Augen waren voller Erstaunen, aber er machte nicht den
geringsten Versuch, zu antworten.

Der Verkäufer verabschiedete sich und ging zur Tür.

Nachdem er die Türe hinter sich geschlossen hatte, öffnete er sie wieder,
ging wieder zurück ins Büro und sagte dem Makler mit einem Lächeln auf
dem Gesicht: „Ich mache Ihnen keine Vorwürfe, wenn Sie jetzt beleidigt sind. Ich hoffe
das sogar irgendwie. Lassen Sie mich nun eines sagen, von Mann zu Mann: Ich denke,
dass Sie Grips genug haben, aber Opfer einer Gewohnheit geworden sind, die Sie niedergehalten
hat. Niemand bleibt liegen, solange er wieder aufstehen will. Ich bin Sportsmann
genug, um Ihnen meine Hand zu reichen und Ihnen wieder aufzuhelfen. Nehmen Sie meine
Entschuldigung für meine harten Worte an?

Sie haben in diesem Kaff nichts verloren. Hier gehen Sie als Immobilienmakler vor die
Hunde, selbst wenn Sie der Beste von allen wären. Besorgen Sie sich einen neuen Anzug,
und wenn Sie sich das Geld dafür borgen müssten, und dann fahren Sie mit mir nach St.
Louis. Ich stelle Sie gern einem Immobilienmakler vor, der Ihnen eine Chance geben wird,
etwas Geld zu verdienen und gleichzeitig lernen Sie eine ganze Menge dazu, was sich
später wieder auszahlen wird.

Falls Sie nicht kreditwürdig sind, um sich neu einzukleiden, bürge ich gerne in einem
Laden in St. Louis für Sie, wo ich selbst ein Kundenkonto habe. Mir ist es ernst. Ich bin
in meinem Bereich erfolgreich, aber das war nicht immer so. Ich kenne also Ihre Lage.
Wichtiger aber ist, dass ich sie nicht nur kenne, sondern auch weiß, wie man da raus
kommt.

Na, was ist? Kommen Sie mit?“

Der Makler wollte aufstehen, doch seine Beine machten nicht mit und er sank
wieder auf seinen Stuhl zurück. Obwohl er groß gebaut war und sehr männlich
wirkte, übermannten ihn seine Gefühle und er fing zu schluchzen an.

Er machte einen erneuten Versuch und schaffte es diesmal, auf die Beine zu
kommen. Er schüttelte die Hand des Kursverkäufers, dankte ihm für seine
Freundlichkeit und sagte, dass er seinem Rat Folge leisten werde, jedoch auf
seine eigene Art.

Er griff nach einem Anmeldeformular, schrieb sich für den Kursus über Verkaufswesen
und Management ein, leistete seine erste Anzahlung und sagte
dem Universitätsmitarbeiter, dass dieser noch von ihm hören würde.
Drei Jahre später besaß dieser Makler ein Team von sechzig Verkäufern und
war einer der erfolgreichsten Immobilienmakler in St. Louis. Der Verfasser
dieses Kurses (welcher zum Zeitpunkt dieser Begebenheit Werbeleiter an
der LaSalle Extension University war) hat diesen Mann in seinem Büro mehrmals
aufgesucht und konnte ihn über eine Zeitspanne von fünfzehn Jahren
beobachten. Er hat sich völlig gewandelt. Und den Ausschlag hatte etwas gegeben,
das auch Sie verwandeln kann: Die für jede Führungspersönlichkeit so
wichtige Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen!

Dieser Immobilienmakler ist jetzt Branchenführer. Er koordiniert die Bemühungen
anderer und hilft ihnen, effizienter zu werden. Diese eine Veränderung
in seiner Einstellung hat eine vorübergehende Niederlage in Erfolg verwandelt.
Jeder neue Außendienstmitarbeiter, der bei diesem Mann zu arbeiten
beginnt, wird zunächst in sein privates Büro gerufen, bevor er angestellt wird.
Dort erfährt er die Geschichte von seiner eigenen Verwandlung, genauso wie
sie auf den vorherigen Seiten wiedergeben wird.

Vor etwa achzehn Jahren reiste der Verfasser dieses Kurses erstmals in
das Städtchen Lumberport in West Virginia. Damals führte die einzige Eisenbahnstrecke
von Clarksburg, dem am nähesten gelegenen Zentrum, bis zu
Lumberport. Das war die Baltimore & Ohio Railroad. Alternativ gab es für diese
Strecke auch eine Trambahn, die drei Meilen außerhalb der Stadt endete.
Wer wollte, konnte die letzte Strecke vom Bahnhof aus auch zu Fuß gehen.

Bei meiner Ankunft in Clarksburg stellte ich fest, dass der einzige Zug, der
am Vormittag nach Lumberport fuhr, bereits weg war. Da ich nicht bis zum
späten Nachmittag warten wollte, entschloss ich mich, die Trambahn zu nehmen
und die restliche Wegstrecke zu Fuß zurückzulegen. In diesem letzten
Abschnitt fing es plötzlich zu regnen an und ich musste mich durch einen
ockerfarbenen Schlamm vorwärtskämpfen. Als ich in Lumberport eintraf, waren
meine Schuhe und Hosen durchnässt und schmutzig und ich machte
sicherlich keinen ansehnlichen Eindruck.

Der erste Mensch, auf den ich stieß, war V.L. Hornor, der seinerzeit Kassierer
bei der Lumberport Bank war. Ziemlich laut schnauzte ich ihn an: „Warum
bauen Sie diese Trambahn nicht bis zur Kreuzung hin aus, damit Ihre Freunde in die Stadt
kommen können, ohne durch den Schlamm waten zu müssen?“

„Haben Sie den Fluss mit der hohen Böschung gesehen?“, fragte er zurück. „Das ist
der Grund. Eine Brücke würde über $ 100.000,– kosten und das ist mehr als die Betreibergesellschaft
ausgeben will. Wir versuchen das schon seit zehn Jahren!“

„Was heißt hier, versuchen!“, platzte es aus mir heraus „wie sehr haben Sie es denn
versucht?“

„Wir haben ihnen jeden Anreiz geboten, den wir uns leisten konnten, zum beispiel ein freies
Wegerecht von der Kreuzung bis in die Stadt und freie kostenlose Straßenbenutzung,
aber das Problem ist die Brücke. Sie sagen, dass sich das nicht rechnen würde, weil sie
für diese drei Meilen nicht so viel einnehmen würden“.

Dann kam mir die Philosophie aus den Erfolgsgesetzen zur Hilfe.

Fortsetzung folgt!