Erfolgsgesetze von Napoleon Hill – Teil 3/9

Erfolgsgesetze von Napoleon Hill – Teil 3/9

Das Ereignis, auf das ich mich beziehe, fand in Chicago statt, während ich an
Charakteranalysen arbeitete. Eines Tages kam ein Tippelbruder in mein Büro
und bat um ein Gespräch. Ich blickte von meiner Arbeit auf und grüßte ihn.
Dann sagte er: „Ich wollte mit dem Mann sprechen, der dieses Büchlein geschrieben
hat“. Er holte ein Buch hervor, das den Titel „Selbstbewusstsein“ trug; dieses
hatte ich vor vielen Jahren geschrieben. „Es muss eine höhere Fügung sein“,
meinte er weiterhin „dass ich dieses Büchlein in meiner Tasche gefunden habe, denn
gestern wollte ich mich in den Michigan-See stürzen. Ich war soweit, dass ich endlich
Schluss machen wollte. Dann schlug ich dieses Buch auf und erhielt wieder neuen Mut
und Hoffnung. Es brachte mich sozusagen durch die Nacht. Ich dachte mir, wenn ich den
Verfasser sprechen könnte, würde er mir vielleich helfen, wieder auf die Beine zu kommen.
Nun, da bin ich also und wollte fragen, ob Sie etwas für mich tun können?“

Während er sprach, studierte ich ihn von Kopf bis Fuß. Ich muss zugeben,
dass ich im ersten Augenblick nicht glaubte, dass ich irgendetwas für ihn tun
könne, aber ich wollte ihm das nicht sagen. Der leere Blick seiner Augen, der
mutlose Gesichtsausdruck und seine Körperhaltung, sein Zehn-Tage-Bart
und seine Nervosität, all das verdichtete sich zu dem Eindruck, dass ich hier
einen hoffnungslosen Fall vor mir hatte. Aber ich brachte es nicht übers Herz,
ihm dies zu sagen. Deshalb bat ich ihn, Platz zu nehmen und mir seine ganze
Geschichte zu erzählen. Ich sagte ihm, dass er ganz offen reden solle. Ich
wollte wissen, was ihn in diese Lage gebracht habe. Ich versprach ihm, dass
ich ihm danach sagen würde, ob ich ihm weiterhelfen könne.

Er erzählte sehr ausführlich seine Geschichte. Der Kern seiner Aussagen
war jedoch folgender: Er hatte sein gesamtes Vermögen in einen kleinen Fertigungsbetrieb
gesteckt. Als 1914 der Weltkrieg ausbrach, konnte er die benötigten
Rohstoffe nicht mehr beziehen und machte deshalb Bankrott. Diese
Schmach brachte ihn so durcheinander, dass er Frau und Kinder verließ und
zum Stadtstreicher wurde. Er hat über alles viel nachgegrübelt, letztendlich
sah er als einzigen Ausweg nur noch den Selbstmord.

Nachdem er mit seinen Erzählungen fertig war, sagt ich ihm: „Ich habe Ihnen
sehr aufmerksam zugehört und ich würde Ihnen von Herzen gerne helfen. Aber es gibt
absolut nichts, was ich für Sie tun kann“.

Er wurde kreidebleich. Die Kinnlade fiel ihm herunter.
Dann murmelte er: „Das war‘s dann wohl!“

„Zwar kann ich nichts für Sie tun“, fuhr ich fort, „es gibt jedoch einen Mann in diesem
Gebäude, den ich Ihnen gerne vorstellen werde. Dieser kann Ihnen helfen, Ihr Vermögen
wiederzuerlangen und Ihnen wieder eine Perspektive geben“. Kaum hatte ich diese
Worte ausgesprochen, sprang er auf, ergriff meine Hände und stieß aus:
„Um Gottes Willen, diesen Mann will ich kennen lernen!“

Es war ermutigend, dass er „um Gottes Willen“ gesagt hatte. Das zeigte,
dass sich noch ein Funken Hoffnung in ihm befand. Ich nahm ihn am Arm und
führte ihn ins Labor, wo charakterpsychologische Tests durchgeführt wurden.
Dann standen wir beide vor etwas, das wie ein Vorhang über einer Türe
aussah. Ich zog den Vorhang weg und er befand sich vor einem mannshohen
Spiegel.

Ich zeigte mit dem Finger auf den Spiegel und sagte:

„Dort steht der Mann, den ich Ihnen vorstellen wollte. Das ist der einzige Mann auf Erden,
der Ihnen wieder auf die Beine helfen kann. Nur wenn Sie sich mit diesem Mann auseinSeite
andersetzen wie nie zuvor, können Sie es schaffen. Falls nicht, können Sie auch in den
Michigan-See springen, weil Sie weder für sich selbst noch für die Welt von Wert sein
werden, solange Sie diesen Mann nicht besser kennen lernen“.

Er trat näher an den Spiegel heran, rieb sich mit der Hand seinen Stoppelbart,
begutachtete sich von Kopf bis Fuß, dann trat er wieder ein paar Schritte zurück
und fing zu schluchzen an. Ich wusste, dass diese Lektion ihre Wirkung
nicht verfehlt hatte, also brachte ich ihn wieder zum Aufzug zurück und verabschiedete
ihn. Ich ging davon aus, dass ich nie mehr etwas von ihm hören
würde. Oder war diese Maßnahme vielleicht doch nicht nachhaltig genug, um
ihn seinen Platz wieder finden zu lassen? Er schien bereits völlig aufgegeben
zu haben.

Ein paar Tage später traf ich diesen Mann auf der Straße wieder. Seine Verwandlung
war so unwahrscheinlich, dass ich ihn kaum wiedererkannte. Er
marschierte zügig, den Kopf hoch erhoben. Die nervöse Körperhaltung war
verschwunden. Er war von Kopf bis Fuß neu eingekleidet. Er machte sogar
einen wohlhabenden Eindruck. Er hielt mich an und erzählte mir, wie es dazu
gekommen war.

„Ich war gerade auf dem Weg zu Ihrem Büro“, erklärte er „um Ihnen die gute Nachricht
zu bringen. Nachdem ich neulich von Ihnen kam, ich, ein heruntergekommener Stadtstreicher,
besorgte ich mir eine Arbeit für $ 3.000,–. Stellen Sie sich das vor, drei tausend
Dollar pro Jahr! Und mein Arbeitgeber streckte mir genug Geld vor, damit ich mich neu
einkleiden könne. Sehen Sie nur! Der Vorschuss reichte sogar aus, um meiner Familie
etwas Geld zu senden. Jetzt bin ich wieder auf dem Weg nach oben. Es kommt mir wie
ein Traum vor. Ich kann selbst noch gar nicht begreifen, dass ich vor wenigen Tagen noch
völlig verzweifelt war und sogar daran dachte, mir das Leben zu nehmen“.

„Deshalb wollte ich zu Ihnen. Ich wollte Ihnen sagen, dass ich Sie aufsuchen werde, wenn
Sie am wenigsten damit rechnen. Dann werden Sie jedoch einen erfolgreichen Mann
begrüßen. Ich werde Ihnen einen unterzeichneten Blankoscheck auf Ihren Namen mitbringen
und Sie können den Betrag einsetzen, der Ihnen beliebt. Denn Sie haben mich vor
mir selbst gerettet, indem Sie mich mir selbst vorgestellt haben. Dieses Selbst kannte
ich vorher nicht. Erst als ich vor Ihrem Spiegel stand, ist mir dieses Licht aufgegangen!“

Als dieser Mann weiterging und in den vollen Straßen von Chicago aus meinem
Blick verschwand, sah ich zum ersten Mal in meinem Leben, welche Stärke,
Kraft und Möglichkeiten sich im Bewusstsein eines Menschen verbergen, der
den Wert des Selbstbewusstseins nie entdeckt hat. Bei dieser Gelegenheit
fasste ich den Entschluss, dass ich mich selbst vor denselben Spiegel stellen
und mit dem Finger auf mich zeigen würde, weil ich die Lektion, die ich
anderen vermitteln wollte, bislang selbst nicht begriffen hatte. Das tat ich
dann auch. Ich stellte mich vor diesen Spiegel und prägte mir mein zentrales
Lebensziel ein, den Entschluss, Männern und Frauen zu helfen, die in ihnen
brachliegenden Kräfte zu entdecken. Die Seiten, die Sie jetzt lesen, sind die
Folge dieses festen Entschlusses.

Der Mann, dessen Geschichte ich Ihnen soeben erzählt habe, ist mittlerweile
der Präsident einer der größten und erfolgreichsten Konzerne seiner Art in
den USA. Die Geschäftstätigkeiten reichen von der Ost- bis zur Westküste
und von Kanada bis Mexiko.

Ein Zeitlang nach dem geschilderten Vorfall suchte mich eine Frau auf und
bat um eine Persönlichkeitsanalyse. Sie war damals Lehrerin an einer staatlichen
Schule in Chicago. Ich reichte ihr ein Analyseblatt, mit der Bitte, dieses
auszufüllen. Sie befasste sich einige Minuten lang mit dem Blatt, trat dann
wieder an meinen Schreibtisch, übergab mir das Blatt und sagte: „Das werde
ich nicht ausfüllen!“ Ich bat um den Grund. „Offen gestanden, eine der Fragen hat
mich zum Nachdenken gebracht und ich weiß jetzt, was mit mir nicht stimmt. Es erübrigt
sind also, Geld dafür auszugeben, dass Sie weitere Analysen anstellen“. Die Dame
verabschiedete sich dann und ich hörte zwei Jahre lang nichts mehr von
ihr. Sie ging nach New York und wurde in einer der größten Agenturen des
Landes Werbetexterin. Wie sie mir schrieb, betrug ihr Jahreseinkommen $
10.000,–.

Diese Frau sandte mir einen Scheck zu, weil sie der Meinung war, dass ich
das Honorar verdient habe, auch wenn ich keine Analyse durchgeführt hatte.
Es ist unmöglich, vorherzusagen, welche Kleinigkeit der Auslöser für einen
Wendepunkt darstellen kann, aber es ist unbestreitbar, dass diese „Wendepunkte“
von dem Menschen, der ein ausgeprägtes Selbstvertrauen und
Selbstbewusstsein hat, rascher erkannt werden.

Ein großes Versäumnis für die Menschheit besteht in der Tatsache, dass
nicht allgemein bekannt ist, dass ein Mensch mit einer normal ausgeprägten
Intelligenz Selbstbewusstsein erlernen kann. Da jungen Männern und Frauen
vor dem Schulabschluss keine Methode vermittelt wird, um ein gesundes
Selbstbewusstsein aufzubauen, fehlt in der Erziehung ein wichtiges Element.

Welcher Segen wäre es für den Menschen, wenn er den Vorhang der Angst
beiseite schieben könnte, damit das Sonnenlicht des Begreifens, welches ein
Selbstbewusstsein mit sich bringt, hereintreten kann!

Wo die Angst das Sagen hat, wird jede lohnenswerte Leistung im Keim erstickt.
Dies kommt auch in der Definition von „Angst“ durch einen großen
Philosophen zum Ausdruck:

„Die Angst ist die Kerkermeisterin des Geistes, in den sie eindringt und sich darin
verbirgt und abschirmt. Die Angst bringt Aberglaube mit sich. Und der Aberglaube
ist der Dolch, mit dem die Heuchelei die Seele mordet“.

Vor meiner Schreibmaschine hängt ein Schild, auf dem in großen Lettern
geschrieben steht:

„Jeden Tag
so wie ich‘s mag,
gelingt mir
immer mehr!“

Ein Zweifler, der diesen Spruch las, fragte mich, ob ich so ein „Zeug“ denn
wirklich glauben würde. Ich antwortete ihm: „Natürlich nicht. Es hat mir lediglich
dazu verholfen, von den Kohleminen wegzukommen, wo ich untertage arbeitete
und meinen Platz in der Welt zu finden, wo ich mehr als 100.000 Menschen
zu Diensten bin, denen ich Ideen vorlege, die ihnen ihrerseits wieder helfen, Posi-
„tWiveasr zuum b seowllitrek eicnh.“ also so etwas glauben?“

Als sich dieser Mann anschickte, wieder zu gehen, sagte er:

„Na ja, vielleicht ist ja doch etwas an Ihrer Philosophie.

Fortsetzung folgt!

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