Ihr „Zitat des Tages“ vom 30.09.2012‏

Ihr „Zitat des Tages“

Lieber Herr Heinz Badura,

heute, am 30. September 2012, einen erfreulichen und erfolgreichen Tag für Sie!

Herzliche Grüße
Axel Haitzer

„Ehe man den Kopf schüttelt, vergewissere man sich, ob man einen hat.“

Truman Capote
War ein US-Amerikanischer Schriftsteller.
* 30.09.1924 in New Orleans (Louisiana), USA
† 25.08.1984 in Los Angeles (Kalifornien), USA

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Und immer wieder aufstehen! Von Jürgen Höller

6 Der Absturz

Dienstag, 11. September 2001 Nachdem ich kurz im Büro war, packte ich meine
Sachen zusammen, denn um 16 Uhr wollte mich Axel abholen, um mit mir zu
einem Vier-Tages-Intensivseminar nach Österreich zu fahren. Um etwa 15.30 Uhr
klingelte es. Axel erzählte mir irgendetwas von: »Flugzeuge in New York …, Wolkenkratzer,
alles zusammengebrochen …, schaut aus wie nach Atomkrieg …, Terroristenverdacht,
unfassbar …, unglaublich …« Zunächst wusste ich überhaupt
nicht, was er meinte, verstand aber aus seinen Worten zumindest so viel, dass
wohl irgendein Flugzeug in New York in einen Wolkenkratzer gerast sei. Mich
packte blankes Entsetzen: Jetzt war es also passiert, dass ein Flugzeug beim
Absturz nicht irgendwo im Wasser oder auf einem freien Feld, sondern mitten in
der Großstadt aufschlug. Ich hatte sofort schlimmste Bilder der Verwüstung vor
Augen und schaltete den Fernseher ein. Als Erstes sah ich die zweite Passagiermaschine
in den zweiten Turm des World Trade Centers rasen und dort explodieren.
Entsetzt, fassungslos und sprachlos saß ich vor dem Fernseher. Als ich nach einigen
Minuten die Lage annähernd erfasst hatte, rief ich nach Kerstin, die sich
irgendwo in unserem Haus befand. Gemeinsam saßen wir wie gebannt vor dem
Bildschirm und erst nach anderthalb Stunden war ich so weit, dass wir nach
Österreich fahren konnten. Während der Autofahrt lief permanent der Nachrichtensender,
denn wir wollten natürlich die Ursache dieses schrecklichen Ereignisses
erfahren. Jeder Leser wird sich wahrscheinlich daran erinnern können, welche
Gefühle er selbst hatte, als er von diesem barbarischen Terroristenakt erfuhr.
Montag, 17. September 2001 Am Sonntag hatte ich versucht, mich ein wenig zu
erholen. Die schrecklichen Ereignisse in New York sorgten jedoch dafür, dass ich
voller Unruhe den Tag verbrachte. Vielleicht beruhte das nicht nur auf den Ereignissen
in New York, wiederum hatte ich eine Vorahnung, ein bestimmtes Gefühl
im Bauch. Meine innere Stimme sagte mir, dass ein weiteres Unglück folgen
würde, eines, das mich persönlich betraf. Am Montag des 17. September, gegen
10 Uhr traf die Hiobsbotschaft ein. Das Telefon klingelte, ich hob ab.
»Guten Tag, Jürgen Höller«, meldete ich mich. »Guten Tag, Herr Höller, hier
spricht xy von der ABC Venture Capital (aufgrund einer Verschwiegenheitserklärung,
die ich unterschrieben hatte, darf ich den Namen nicht nennen). Herr Höller,
ich habe leider eine schlechte Nachricht für Sie: Aufgrund der Ereignisse vom
11. September in New York ist vollkommen unklar, wie sich in den nächsten
Wochen und Monaten die Börsen und die Weltwirtschaft entwickeln werden.
Demzufolge ist absolut nicht abzusehen, ob überhaupt und, wenn ja, wann es zu
einem Börsengang der INLINE AG kommen könnte. Aus diesen Gründen müssen
wir Ihnen leider mitteilen, dass wir die Verhandlungen über die geplante Finanzierungsrunde
der INLINE AG erst einmal aussetzen müssen.« Vielleicht kennst
du das Gefühl, das ich nun empfand, aus deinem eigenen Leben. Der persönliche
»Super-GAU«, also der größte anzunehmende Unfall, war eingetreten: Die schon
sicher geglaubte Finanzierung war geplatzt!
Zwar war der Turnaround-Prozess erst Anfang Juli gestartet worden, aber Mitte
September sah es bereits so aus, dass die INLINE AG sehr bald in die Gewinnzone
zurückkehren würde (wie es ja bis 1999 immer der Fall war). Doch seitdem der
geplante Börsengang im April verschoben wurde, war bis zu diesem Tag ein Liquiditätsbedarf
entstanden, der aus dem operativen Cashflow heraus unmöglich
gedeckt werden konnte. Denn auch wenn die Maßnahmen des Restrukturierungsprozesses
schnell umgesetzt worden waren, benötigt ein solcher Prozess seine
Zeit. Gerade wenn Kosten durch Abbau von Arbeitsplätzen gesenkt werden, gibt
es verschiedene gesetzliche Regeln zu beachten (beispielsweise die Einhaltung der
Kündigungsfristen). Mir war in diesem Moment schlagartig klar, dass die Krise, in
der ich mich bis dato befand, nur ein »laues Lüftchen« gegenüber dem war, was
nun beginnen würde. Ich war urplötzlich in eine extreme Existenzkrise gerutscht,
nicht nur, was die INLINE AG betraf, sondern auch privat. Ich wusste, dass ich
nun blitzschnell handeln musste, um da wieder herauszukommen, aber ich
wusste absolut nicht, wie. Wo sollte ich jetzt innerhalb kürzester Zeit eine Millionenfinanzierung
herbekommen? Wochenlang hatte ich mit vielen Investoren
verhandelt, dann schließlich sogar ein Investoren-Konsortium gefunden – und
nun war plötzlich unsere Existenz massivst bedroht. Der Anschlag auf das World
Trade Center hatte somit weitaus verheerendere Auswirkungen auf die Bevölkerung
weltweit als zunächst angenommen. Denn in der Folge stand nicht nur
unser Unternehmen vor dem Aus. Viele weitere Firmen gerieten in die Krise. Die
großen Fragen lauteten damals: Wie wird sich die Weltwirtschaft entwickeln, wie
die Börsen? In den darauf folgenden Tagen kontaktierte ich zahlreiche potenzielle
Investoren – leider ohne Erfolg! Alle hatten nun erst einmal »die Hosen voll« und
warteten vorsichtig ab, was sich tun würde. Keiner war mehr bereit, Risikokapital
zu investieren. Mit den meisten Lieferanten hatten wir schon vor Wochen gesprochen,
verhandelt und eine Schonfrist erhalten. Doch nunmehr riefen viele voller
Panik an und fragten, wie es denn mit den Zahlungen aussehe. Hatte unsere
Finanzierung geklappt, wann würden sie ihr Geld bekommen?
Unsere Lage wurde immer dramatischer, immer auswegloser. Seit der Nachricht
am 17. September konnte ich keine Nacht mehr richtig durchschlafen. In der
Regel sah es so aus, dass ich zwei, drei Gläser Wein trank und dann um 24 Uhr
schließlich in den Schlaf sank. Anschließend schlief ich zwei, drei, wenn es eine
»gute« Nacht war, vielleicht auch mal vier Stunden. Dieser Schlaf war jedoch
keine Erholung, sondern eher eine ununterbrochene Abfolge von schlechten
Träumen. Ich wachte immer wieder schweißgebadet auf und musste manchmal
zweimal pro Nacht meinen Pyjama wechseln, der vollkommen durchnässt war.
Bei jedem Gespräch, das ich führte, spürte ich die Zurückhaltung der Investoren.
Zurückhaltung nicht etwa gegenüber unserem Unternehmen, unserem
Geschäftsfeld oder meiner Person, sondern einfach Unsicherheit wegen des
gesamten Marktes. Immer verzweifelter und bedrohlicher wurde nun unsere Lage.
Meine Probleme kreisen in meinem Kopf, meine Gedanken rasten immer schneller
und schneller. Wie sollte ich aus dieser ausweglosen Lage nochmals herauskommen?
In dieser Zeit erschienen die ersten Artikel in der Presse über die kritische Situation
der INLINE AG. Es war sowieso ein Wunder, dass die Presse bisher noch nicht
negativ berichtet hatte. Während jedoch die meisten Presseveröffentlichungen
relativ sachlich und nüchtern waren, plagten mich insbesondere meine Heimatzeitungen,
das »Schweinfurter Tagblatt« und die unterfränkische »Mainpost« (die
beide zusammengehören). »Der Adler im Sturzflug«, lautete eine der Überschriften
und in schlimmster Art und Weise war nunmehr alles schlecht, was Jahre
zuvor gut gewesen war. Über viele Jahre hinweg waren die Journalisten froh gewesen,
mit mir Interviews führen zu können, hatten enthusiastisch über den prominentesten
»lebenden Sohn« der Stadt berichtet – und jetzt verdammten sie mich,
vor allem die Redakteure Starost und Helferich, in Grund und Boden. Es schien
ihnen eine geradezu teuflische Freude zu bereiten, auf mich einzuprügeln. Als der
erste seitenlange Artikel im »Schweinfurter Tagblatt« erschienen war, kam mein
fünfjähriger Sohn Alexander zwei Tage später weinend aus dem Kindergarten
nach Hause. Daraufhin fragte ich ihn, was los sei. »Gar nichts«, antwortete er.
»Natürlich ist irgendetwas, Alexander, ich sehe doch, dass du weinst. Komm, sag
es deinem Papa.« Ich nahm ihn auf den Schoß und wiegte ihn. Er wollte absolut
nicht mit der Sprache rausrücken, aber ich ließ nicht locker. »Die anderen Kinder
im Kindergarten waren heute ganz gemein und hässlich zu mir. Sie haben mich
den ganzen Tag gehänselt und mir gesagt, dass mein Papa ein Versager und pleite
ist. Sie haben gesagt, wir müssen bald aus unserem Haus ausziehen. Stimmt das,
Papa?«, schluchzte er. Es zeriss mir das Herz.
Wer den Erfolg sucht, muss auch den Neid akzeptieren. Wer anerkannt wird,
muss auch akzeptieren, dass man auf ihn einprügelt. All dies konnte und kann ich
aushalten. Doch als jetzt der kleine Alexander, der für die ganze Misere nichts
konnte, weinend auf meinem Schoß saß, gab mir das einen unendlich tiefen Stich
ins Herz. Und ich konnte nur mit größter Mühe das Weinen unterdrücken.
»Glaube nicht, was die Kinder zu dir sagen. Dein Papa ist kein Versager, aber es
stimmt, wir haben zurzeit große Probleme«, erklärte ich ihm offen und ehrlich.
»Das Haus müssen wir noch nicht verkaufen, aber auch wenn wir es vielleicht
einmal verkaufen müssen, das ändert doch nichts daran, dass wir uns lieb haben
und auch woanders Spaß haben können, oder was meinst du?«, fragte ich ihn. Ich
machte noch ein bisschen Schabernack mit ihm, er lachte und hatte bald alles
vergessen. Wenn ich damals geahnt hätte, welch furchtbare Schmerzen noch auf
Alexander warten, weiß ich nicht, ob ich ihn hätte trösten können. Anschließend
ging ich mit Gino, unserem Pyrenäen-Schäferhund, zum Joggen und lief eine
Stunde durch den Wald. Die Gedanken wirbelten durch meinen Kopf und irgendwann
brach es aus mir heraus: Ich blieb stehen und weinte hemmungslos. All sie
angestaute Anspannung brach in einem Sturm der Verzweiflung aus mir heraus.
Zuerst stützte ich mich mit beiden Händen auf die Oberschenkel, so heftig wurde
ich von einem Heulkrampf geschüttelt. Schließlich konnte ich mich nicht mehr
auf den Beinen halten. Ich sank zu Boden, auf die Knie, blickte nach oben und
rief verzweifelt: »Warum, lieber Gott, warum machst du das mit mir? Was habe
ich verbrochen, dass du mich so strafst? Warum schickst du solch eine Strafe über
mich, meine Familie, mein ganzes Unternehmen?« Ich machte dem lieben Gott
schlimmste Vorwürfe und blieb minutenlang so hocken. Ich weiß nicht, ob du
schon einmal etliche Minuten von einem Heulkrampf geschüttelt wurdest und
was du dabei für Empfindungen hattest. Mein Kopf wurde plötzlich ganz leer.
Irgendwann stand ich auf und schleppte mich nach Hause. Ich legte mich aufs
Sofa, schaltete die Glotze ein und stierte gedankenverloren auf eine schwachsinnige
Sendung. Stundenlang saß ich so vor dem Fernseher, kraftlos, regungslos,
ohne Energie. Als meine Frau abends nach Hause kam und mich so vorfand,
erschrak sie sehr. Wir aßen etwas, aber ich sprach kaum mit ihr. Ich wollte, aber
ich konnte nicht. All meine Energie, meine Tatkraft, mein Wille – alles war zerbrochen,
zerstört. Ich spürte nur noch eine große Leere. Viele Jahre lang hatte ich
immer Bilder voller Visionen vor meinem geistigen Auge, nunmehr sah ich nur
noch ein großes schwarzes Loch. Ich wollte, aber ich konnte nicht. Ich fühlte
mich vollkommen leer, zerbrochen. Natürlich hatte ich auch in den letzten zwölf
Jahren, solange wir uns kennen, immer wieder einmal eine Phase gehabt, in der
ich verzweifelt und negativ war. Folglich machte sie sich jetzt zwar Sorgen, da sie
mich noch nie so bedrückt erlebt hatte, aber sie baute darauf, dass ich am nächsten
Tag wieder voller Optimismus und voller Energie aus dem Bett springen
würde, so wie sie mich kennt und liebt. Doch das Gegenteil war der Fall. Ich hatte
nicht einmal mehr die Energie, früh aufzustehen, um mit dem Hund »Gassi« zu
gehen. Ich blieb einfach liegen. Lustlos aß ich einen Teil meines Frühstücks und
legte mich anschließend gleich wieder auf die Couch und stierte vor mich hin.
Das blieb den ganzen Tag so. Nun machte sich Kerstin gehörige Sorgen, denn so
hatte sie mich noch nie erlebt. Am darauf folgenden Tag das gleiche Bild: Ich
arbeitete nichts, ich sprach nichts, ich las nichts, ich aß nichts. Lediglich Wein
schüttete ich in größeren Mengen in mich hinein …
Abends bereitete Kerstin eines ihrer leckeren Essen zu, die ich normalerweise so
liebe. Doch an diesem Abend hatte ich kaum Appetit, lobte sie nicht für die köstliche
Zubereitung, sondern stierte nur weiter vor mich hin. Es schmeckte mir
kaum und eher mechanisch und aus Höflichkeit aß ich ein wenig. Alexander kam
zu mir, um gute Nacht zu sagen, doch auch ihm gab ich nur gedankenverloren die
Hand und einen Kuss auf die Wange – ohne ihn jedoch wirklich wahrzunehmen
oder gar herzlich zu umarmen, wie ich es sonst immer machte. Als Kerstin unsere
Kinder zu Bett gebracht hatte, brach es aus ihr heraus:
»Was ist denn los mit dir?«, fragte sie mich. »Seit Tagen liegst du nur herum. So
habe ich dich ja noch nie gesehen. Haben sie es jetzt endlich geschafft, ja? Haben
es jetzt diese elenden Schmierfinken endlich geschafft, dich zu zerstören?« Sie
brüllte, während sie gleichzeitig dabei weinte.
»Ja, sie haben mich geschafft. Aber vielleicht haben sie ja auch Recht, dass ich
ein Versager bin! Vielleicht haben sie ja auch Recht, dass das, was ich tue, sinnlos
ist!«, sagte ich zu ihr.
»Na prima. Es ist also tatsächlich so weit. So viele Jahre hast du gekämpft.
So weit bist du gekommen. Du hast mit fünf Seminarteilnehmern begonnen
und bis heute fast eine Million Menschen geschult. Und jetzt gibst du kampflos
auf.« Sie setzte sich aufs Sofa und schluchzte jämmerlich. Ich richtete mich auf,
schaute sie an, aber unfähig, ihr irgendetwas zu sagen, geschweige denn, ihr zu
helfen.
»Ich weiß nicht, was ich tun soll«, murmelte ich. »Ich weiß nicht, wie ich in
kürzester Zeit die Firma retten soll. Ich weiß wirklich nicht, wie es weitergehen
soll. In den nächsten Wochen werden noch viele negative Berichte über mich
erscheinen und über die Situation berichten. Sie werden mich zerreißen. Der
›Erfolgstrainer Europas‹ hat selber mit seinem Unternehmen Schwierigkeiten, das
ist doch ein gefundenes Fressen für all meine Kritiker und Gegner.«
»Na und? Du bist schon öfter in deinem Leben hingefallen und immer wieder
aufgestanden. Du hast tausenden von Menschen in deinen Seminaren gesagt, sie
sollen niemals in ihrem Leben aufgeben. Und nun liegst du selber am Boden und
willst liegen bleiben. Das gibt’s doch nicht!«, schrie sie mich an.
»Ich weiß, aber ich kann nicht mehr. Ich habe mich noch nie in meinem Leben
so schwach und kraftlos gefühlt wie gerade jetzt. Ich bin zu schwach, um morgens
aufzustehen, ich bin zu schwach, um abends ins Bett zu gehen. Und bei dem
Gedanken, welche Energie ich benötigen würde, um das Unmögliche noch möglich
zu machen, weiß ich nicht, wo ich diese hernehmen soll.«
Kerstin kam auf mich zu und zog mich hoch. Ich stand ihr gegenüber und
blickte in ihr tränennasses Gesicht. Sie umfasste meine Schultern mit beiden Händen,
schüttelte mich und schrie:
»Das kann doch alles nicht wahr sein! Weißt du eigentlich, wie viele Menschen
noch größere Probleme haben als wir und die auf dich vertrauen? Denen du ein
Vorbild bist dafür, niemals aufzugeben. Und jetzt willst du diese Menschen enttäuschen?
« Sie schüttelte verzweifelt den Kopf.
Da hatte sie meinen wunden Punkt getroffen: Irgendetwas regte sich wieder in
mir und setzte ein klein wenig an Energie frei. Aber da war auch eine Riesenangst.
Eine Angst, die ich nicht formulieren wollte. Kerstin redete weiter wie besessen
auf mich ein:
»Du darfst einfach nicht aufgeben! Du musst wieder aufstehen und weitergehen!
Du musst für die Menschen ein Vorbild sein! Deine Mitarbeiter haben an
dich geglaubt und glauben immer noch an dich! Du bist ihnen ein Vorbild, was
wird denn aus ihnen? Das, was du tust, ist viel zu wertvoll, als dass du jetzt aufgeben
dürftest. Du hast den Menschen so viel gegeben und so viele Menschen warten
auf dich. Denk doch einmal an all die tausenden von Briefen, die du bisher
erhalten hast? Von Menschen, die dir erzählt haben, was sich in ihrem Leben
Wundervolles getan hat. Wie sie harmonischere, liebevollere, aufregendere Beziehungen
führen. Finanziell sicherer und unabhängiger wurden. Krisen überwunden
haben. Denk doch auch einmal an die Briefe von den Menschen, die dir mitteilten,
dass sie eigentlich Selbstmord begehen wollten, und die nur durch eines
deiner Seminare oder Bücher zurückgehalten wurden und wieder auf die positive
Seite des Lebens zurückkehren konnten. Du hast eine Aufgabe zu erfüllen. Du bist
zu wichtig, als dass du jetzt aufgeben könntest. Lass es nicht zu, dass du jetzt zerstört
bist. Steh wieder auf, bitte, steh wieder auf!«
Kerstin schrie und tobte. Aber immer noch war ein Knoten in mir, der sich
nicht lösen wollte. Schließlich erklärte ich ihr mit tränenerstickter Stimme:
»Weißt du, was meine allergrößte Angst ist, noch größer als alles, was ich dir bis
jetzt anvertraut habe?«
»Sag es mir«, erwiderte sie und schaute mich erwartungsvoll an.
»Meine größte Angst ist, dass ich dich enttäusche. Ich habe dich kennen und
lieben gelernt und du warst meine Prinzessin. Ich wollte dein Prinz sein, der dir
ein wunderschönes Leben bietet. Ich habe große Angst, dass wir alles verlieren,
was wir aufgebaut haben. Ich habe Angst, dass wir unser Geld verlieren. Ich habe
Angst, dass wir aus diesem Haus ausziehen müssen. Ich habe Angst, dass wir vielleicht
sogar privat pleite gehen müssen. Ich habe Angst, dass all deine Träume
platzen könnten, die ich dir zu erfüllen versprochen habe.«
»Das ist deine größte Angst?«, fragte sie und schaute mich fassungslos an.
»Ja.«
»Bist du denn vollkommen von Sinnen?«, entsetzte sie sich. »Natürlich habe
ich mich gern von dir verwöhnen lassen, natürlich liebe ich unser Haus über alles.
Natürlich freue ich mich, wenn wir unsere Träume verwirklichen. Aber glaubst du
denn wirklich, das sei mir das Wichtigste? Jetzt bin ich richtig enttäuscht von dir.
Wie schätzt du mich denn eigentlich ein? Ich liebe dich! Ich liiiiieeeeebe dich!
Hast du das verstanden? Ich habe dich kennen gelernt, da warst du noch voll-
kommen unbekannt und unbedeutend. Ich habe mich in dich verliebt, weil ich
in dir einen Menschen entdeckte, der unter seiner selbstbewussten, rauen Schale
so unglaublich sensibel, so unglaublich herzlich ist. Und wenn es denn sein muss,
dann ziehen wir eben aus diesem Haus aus. Wenn es sein muss, ziehen wir alle
zusammen in eine Zwei-Zimmer-Wohnung. Aber all das werde ich verkraften. All
das mache ich mit. Wir werden auch dabei unser Leben genießen, Spaß haben.
Vielleicht verlieren wir alles, aber wir dürfen uns nicht verlieren. Die Liebe in
unserer Familie ist das Allerwichtigste! Deine Kinder lieben dich, ganz gleich, ob
du einmal scheiterst oder nicht. Und ich liebe dich auch. Und wenn du es einmal
geschafft hast, wirst du es wieder schaffen. Ich habe immer an dich geglaubt und
ich habe dich immer unterstützt. Ich werde es wieder tun. Ich werde an deiner
Seite sein und mit dir kämpfen. Ich werde alles ertragen. Ich kann auch alles ertragen.
Aber eines kann ich nicht ertragen: wenn du jetzt aufgibst!«
In diesem Moment löste sich der Knoten in meinem Bauch. Gut, wenn es denn
sein müsste, dann würden wir eben alles verlieren, aber meine Frau und meine
geliebten Kinder würden zu mir stehen. Ich hatte immer gewusst, dass sie zu mir
stehen würden, aber ich hatte einfach Angst, sie zu enttäuschen. Ich hatte Angst,
dass sie traurig sein würden, wenn wir unser Haus verkaufen müssten, von dem
wir viele Jahre lang geträumt und das wir schließlich verwirklicht hatten. Oh, wie
hatte ich meine starke, kluge, selbstbewusste Frau doch unterschätzt! Wie großartig
war sie doch. In diesem Moment floss mein Herz über vor Liebe und ich
wusste, dass dies die Frau ist, mit der ich mein ganzes restliches Leben in Liebe
verbringen wollte. Trotz allen Bemühens gab es natürlich auch in unserer Beziehung
Momente des Streits, der Routine und Langeweile. Und es gab auch kurze
Phasen, in denen wir uns etwas voneinander entfernt hatten. Doch all das war
nun Vergangenheit. Vor uns lag die Zukunft! Eine schwierige Zukunft, das war
mir klar. Ich wusste in diesem Moment nicht, ob ich es schaffen würde, aber ich
würde mein Bestes tun! Ich würde mein Bestes geben, ich würde über mich selbst
hinauswachsen, um später nicht sagen zu müssen: »Hätte ich doch alles gegeben,
dann wäre es vielleicht möglich gewesen.« Ich nahm Kerstin fest in die Arme und
wir schmiegten uns aneinander. Man würde uns alles nehmen können, nur eines
nicht: unsere Liebe! Ich konnte ja nicht ahnen, dass mir wirklich alles noch
genommen werden sollte – sogar meine Freiheit – und die Liebe wirklich das Einzige
bleiben sollte, was noch mir gehörte …
Donnerstag, 29. November 2001 Den ganzen Tag über war ich äußerst angespannt.
Heute sollte die Entscheidung über die Finanzierung der INLINE AG endgültig fallen.
Die Hälfte des notwendigen Kapitals war von einem der zwei Risikokapitalgeber
bereits genehmigt und auf einem separaten Konto »geparkt« worden. Der
zweite VC hatte heute Ausschuss-Sitzung, in dem die Entscheidung fallen sollte.
Bei Zustimmung war INLINE gerettet – bei Ablehnung insolvent. Zu Beginn des
Seminars, wie stets seit Mitte Oktober 2001, erläuterte ich offen die jetzige Situation
und deren Ursachen. Beim allerersten Eingeständnis dieser Art hatte ich
Lampenfieber gehabt wie bei meinem ersten Vortrag. Ich hatte nicht gewusst, wie
die Seminarteilnehmer reagieren würden. Doch sie hatten fantastisch reagiert:
Viele waren in der Pause zu mir gekommen, teilweise mit Tränen in den Augen
(denn ich hatte auch offen und ehrlich über den nahenden Zusammenbruch und
meine Depressionen berichtet), und hatten mir Mut zugesprochen. Die Seminarteilnehmer
lehrten mich, dass ich durch die ganze Geschichte letztendlich nur
noch glaubwürdiger sein würde, noch menschlicher. Vorher war ich teils sehr
weit entfernt von meinen Kunden gewesen, wie auf einem Podest, weil ich seit
vielen Jahren so erfolgreich war. Jetzt war ich wieder für sie anfassbar. An diesem
29. November wurde mein Vortrag wieder hervorragend von den Teilnehmern
aufgenommen.
16.30 Uhr: In der nachmittäglichen Pause hetzte ich auf mein Zimmer und rief
den zuständigen Sachbearbeiter des Kapitalgebers an. Er meldete sich, aber seine
Stimme klang absolut neutral. Mein Puls raste und mein Blutdruck lag wahrscheinlich
bei 220 … Ich fragte ihn, wie es denn aussehe, ob die Entscheidung im
Ausschuss bereits gefallen sei. »Ja«, hörte ich ihn völlig emotionslos sagen, »der
Ausschuss hat getagt und es hat auch gar nicht lange gedauert, bis man zu einem
Ergebnis kam. Es war leichter, als ich vorher gedacht hatte: Die INLINE AG erhält
die Finanzierung!« In diesem Moment schössen mir Tränen in die Augen und
meine Stimme drohte zu versagen. Mit letzter Kraftanstrengung gelang es mir,
mich zu bedanken und den Hörer aufzulegen. Anschließend ließ ich meinen
Freudentränen kurz freien Lauf, sammelte mich wieder, ging auf die Bühne und
verkündete den Teilnehmern voller Freude, dass die Entscheidung soeben gefallen
und die INLINE AG jetzt gerettet sei. Es gab tosenden Applaus. Überglücklich
beendete ich wenig später den Seminartag. Natürlich rief ich sofort bei Kerstin an:
»Ich bin es, Schatz, ich wollte dir nur sagen, wir haben es geschafft. Wir erhalten
das Geld. Die VCs haben zugesagt, in wenigen Tagen bekommt die INLINE AG das
Geld und wir sind gerettet.« »Wirklich? Das ist ja fantastisch!«, stammelte Kerstin
und ich hörte, wie sie am Telefon vor Freude weinte. Die Anspannung der zurückliegenden
Zeit löste sich mit einem Schlag auf. Wir konnten kaum noch miteinander
telefonieren, so glücklich waren wir und so viel mussten wir schluchzen.
Abends goss ich mir zusammen mit Axel noch ein paar Cocktails hinter die Binde
und wachte am nächsten Tag mit einem Brummschädel, aber voller Optimismus,
Power und Enthusiasmus auf.
Freitag, 30. November 2001 In der Mittagspause rief ich kurz bei Frank Gerbert an,
einem Redakteur des Focus, der einen Artikel über die Situation bei der INLINE
AG schreiben wollte, um ihm mitzuteilen, dass die Finanzierung nun gesichert
sei. Kerstin telefonierte zum gleichen Zeitpunkt mit einem Reisebüro, um für uns
beide einen Urlaub auf Teneriffa zu buchen. In den letzten Monaten hatten wir
extrem viel Energie verbraucht und waren nun völlig ausgelaugt. Ein Urlaub war
dringend nötig. Ich fühlte mich zwar großartig, weil die positive Entscheidung
gefallen war, gleichzeitig aber vollkommen leer. Schon seit Mitte September litt
ich ununterbrochen an fiebrigen Erkältungskrankheiten und Kerstin machte sich
mittlerweile große Sorgen um meine Gesundheit. Solange sie mich kannte, war
ich – abgesehen von einigen Rückenbeschwerden – nie ernstlich krank. Und auch
von Schnupfen und Husten blieb ich meist verschont. Und nun gab es schon seit
Wochen kaum noch einen Tag, an dem ich mich gesund fühlte. Die Krise und der
damit verbundene Energieeinsatz forderten ihren Tribut. Ich hatte ja keine andere
Wahl gehabt: Hätte ich mich etwa ausruhen und zusehen sollen, wie mein Unternehmen
den Bach hinunterging? Doch nun waren wir ja gerettet und konnten
etwas ausspannen. Kerstin buchte den Urlaub nur für uns zwei, mein Schwager
Axel hatte sich nämlich bereit erklärt, sich mit seiner gesamten Familie für die
Dauer unseres Kurzurlaubes bei uns einzuquartieren und für unsere beiden Söhne
zu sorgen.
Freitag, 6. Dezember 2000 An diesem Tag gaben die Venture-Capital-Firmen, die
die Finanzierung zugesagt hatten, bei der Wirtschaftskanzlei Rödl & Partner ein
Vertragswerk in Auftrag, dessen Kosten bei 20 000 Euro lagen. Hintergrund war
der, dass man nicht einen kleinen Vertrag aufsetzen kann, mit dessen Hilfe dann
die Investoren ihr Geld bei der INLINE AG einlegen können, sondern es waren
eine Stichtagsbilanz, eine Firmenbewertung und viele andere Dinge notwendig.
Es musste nun schnell gehen, denn die INLINE benötigte dringend die Auszahlung,
um die Gläubiger, wie vereinbart, kurzfristig bedienen zu können. Deshalb
wurden noch am gleichen Tag die 20000 Euro per Blitzüberweisung an Rödl &
Partner überwiesen. Im Gegenzug erklärten sich diese bereit, das Vertragswerk
kurzfristig nach den Wünschen der Venture Capitalists zu gestalten.
Dienstag, 11. Dezember 2001 Endlich Urlaub! Kerstin und ich bezogen auf Tene –
riffa Quartier in unserem Lieblingshotel. Bereits zum achten Mal machten wir
dort Urlaub und wurden mittlerweile wie gute alte Bekannte behandelt. Wir ge –
nossen unsere Urlaubstage. Ich schlief jeden Tag stundenlang und lud meine Batterien
wieder auf. Die Teneriffa-Sonne wärmte uns und gab uns neue Energie. Fast
jeden Abend joggten wir an der Uferpromenade entlang und ich spürte, wie ich
von Tag zu Tag energiegeladener und vitaler wurde. Meine Dauer-Erkältung war
bereits nach zwei Tagen verschwunden. Wir genossen es, nach all den Sorgen und
Strapazen endlich wieder einmal Zeit für uns selbst zu haben.
Sonntag, 9. Dezember 2001 22 Uhr Ortszeit Teneriffa: Kerstin und ich saßen nach
einem leckeren Fischessen noch bei milden 20 Grad bei einem Gläschen Wein
zusammen. Wir hielten uns an den Händen und waren unglaublich glücklich. So
glücklich, dass sich all unsere Anstrengungen doch noch gelohnt hatten. Denn
was hatte ich nicht alles investiert: Ich haftete persönlich für zirka drei Millionen
Euro. Ich hatte noch im Oktober kurzfristig Mittel an die INLINE gezahlt, ja, ich
hatte auch meinen geliebten Ferrari verkauft, um liquide Mittel zu schaffen. All
diese Entscheidungen hatten sich letztendlich gelohnt: Wir waren gerettet! Wir
träumten von unserer Zukunft. Ich sagte Kerstin, dass ich alles nur Mögliche tun
würde, damit die vorbörslichen Zeichner und die Lieferanten es nicht bereuen
müssten, mitgezogen zu haben. Glücklich und friedlich schliefen wir Händchen
haltend ein, träumten süß von unserer herrlichen Zukunft …
Montag, 10. Dezember 2001 8.12 Uhr Ortszeit Teneriffa: Ich lag noch dösend im
Bett und hörte irgendwo das Klingeln meines Handys. Hatte ich es gestern Nachmittag
vergessen auszuschalten? Kerstin war schon wach und kramte mein Handy
aus der Strandtasche heraus. Ich hörte, wie sie sich meldete und mit dem Anrufer
sprach, und an ihrem Tonfall erkannte ich, dass etwas Schreckliches passiert sein
musste. Schlagartig wurde ich hellwach und richtete mich im Bett auf. Ich sah
Kerstins entsetztes Gesicht, ich hörte, wie sich ihre Stimme komplett verändert
hatte. Was war los? Sie schien mit Axel zu sprechen, Axel Weinberger, ihrem Bruder
und einem meiner wichtigsten Mitarbeiter und bestem Freund. Wenn Axel in
aller Herrgottsfrüh bei uns anrief, musste etwas Schlimmes, etwas Erschütterndes
passiert sein. Alle möglichen Gedanken und Bilder schössen mir durch den Kopf.
Axel wohnte ja zu Hause bei unseren Kindern. Mein Gott, es wird denen doch
nichts passiert sein? »Sag schon, Kerstin, was ist denn los?« Kerstin war leichenblass,
als sie mir das Handy gab, und sagte: »Axel ist dran, bei uns im Geschäft ist
die Staatsanwaltschaft und hat einen Durchsuchungsbeschluss.« Durchsuchungsbeschluss?,
schoss es mir durch den Kopf. Was für einen Durchsuchungsbeschluss?
Was war überhaupt los? Ich glaubte zu träumen.
»Hallo Axel, hier ist Jürgen, was ist denn los?« »Hallo Jürgen«, hörte ich Axel
mit belegter Stimme sagen, »du, hier im Haus ist die Staatsanwaltschaft mit 15 Mitarbeitern.
Sie haben einen Durchsuchungsbeschluss. Sie schleppen gerade eben
Aktenordner raus. Der zuständige Staatsanwalt Dr. Emmert will dich gleich mal
sprechen.«
»Hallo Herr Höller, hier ist Staatsanwalt Emmert«, meldete sich eine nicht
unsympathische Stimme. »Wir haben hier einen Durchsuchungsbeschluss. Wir
ermitteln unter anderem wegen Verdachts auf Verschleppung des Insolvenzan –
trages.«
Mein Puls hämmerte in meinem Schädel. Wie bitte, was war los? Durchsuchungsbeschluss?
Es kam mir vor, als befände ich mich in einem schrecklichen
Alptraum. Ja, natürlich, das war die Lösung: Ich träumte! Ich hatte ein Gläschen
Rioja zu viel getrunken und nun entlud sich die ganze Anspannung der letzten
Monate in einem schrecklichen Alptraum. Gleich würde ich aufwachen, meine
geliebte Kerstin in die Arme nehmen und gemeinsam mit ihr auf der sonnigen
Terrasse unseres Hotelzimmers frühstücken. Doch wieso wachte ich nicht auf?
Immer noch hörte ich die Stimme des Staatsanwaltes: »Herr Höller, wir werden
hier erst einmal alles sicherstellen und uns dann später noch einmal melden, bitte
lassen Sie das Telefon an.«
»Jürgen, hier ist wieder Axel. Werde zunächst erst einmal richtig wach und lass
uns in ein paar Minuten noch einmal telefonieren.«
Fassungslos legte ich den Hörer beiseite und sah Kerstin an. Sie weinte. Und
auch ich hatte einen dicken Kloß im Magen. War denn die ganze Welt verrückt
geworden? Noch nicht einmal acht Stunden war es her, dass wir auf unsere »neu
gewonnene« Zukunft, auf das Ende der großen Krise angestoßen hatten. Und nun
war die Krise wieder da, doch weitaus verheerender als zuvor. Tausend Gedanken
schossen mir durch den Kopf: Was werden die Investoren machen, wenn sie von
der Sache Wind bekommen? Wie hatten die Mitarbeiter angesichts der Staats –
anwaltschaft reagiert? Was werden die Kunden dazu sagen? Und die Presse erst!
Ich sah die Schlagzeilen in den Tageszeitungen bereits vor mir: »Razzia bei Mister
Motivation!«
Das konnte doch alles nicht wahr sein! Die nächsten Stunden verbrachte ich
ununterbrochen am Telefon. Kerstin hatte ich gebeten, sich sofort um einen
Rückflug zu kümmern. Ich musste sofort zurück in mein Unternehmen! Doch an
diesem Tag waren alle Flüge ausgebucht, wir mussten bis zum nächsten Morgen
warten. Mittlerweile erreichte ich den Aufsichtsratsvorsitzenden Eberhard Wagemann.
Dieser erklärte mir, dass der Aufsichtsrat nunmehr beschlossen habe, dem
Vorstand, mir und meinem Kollegen Norbert Beck, anzuraten, Antrag auf Eröffnung
des Insolvenzverfahrens zu stellen. Vorsorglich wies Herr Wagemann darauf
hin, dass im Falle, dass wir den Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens
stellen würden, der gesamte Aufsichtsrat sofort zurücktreten würde. Wie heißt es
doch so schön: Die Ratten verlassen das sinkende Schiff! Die nächste Hiobsbotschaft
folgte auf dem Fuße: Die VCs, die investieren wollten, hatte die Information
ebenfalls schon erreicht. Natürlich sagten die »ehrenwerten Herren« nicht
einfach ab, das ist schließlich nicht ihr Stil, und außerdem fürchteten sie vielleicht,
es könne ihnen irgendwann von der Presse negativ ausgelegt werden, uns
im Stich gelassen zu haben. Also wurde mir verklausuliert deutlich gemacht, dass
die Finanzierung zwar noch möglich wäre, aber … Was so viel heißen sollte wie:
Die Finanzierung war geplatzt, es gab kein Geld, solange die Untersuchung der
Staatsanwaltschaft lief.
Das konnte doch alles nicht wahr sein! Da hatte ich acht Monate lang
gekämpft, gemeinsam mit meinem Team alles gegeben, war nach dem 11. September
am Boden gewesen, hatte es aber noch einmal geschafft – und nun das!
Wir hatten über 90 Prozent der vorbörslichen Zeichner und die Gläubiger über-
zeugt mitzuziehen. Was lief hier eigentlich ab? Doch dann erwachte wieder mein
Kampfeswille. Jetzt erst recht! Ich würde nicht einfach aufgeben! Niemals, ich nicht,
niemals! Von Teneriffa aus telefonierte ich mit anderen potenziellen Investoren,
mit denen ich seit Wochen in Verhandlungen stand. Ich erklärte ihnen offen die
Situation: Innerhalb von 72 Stunden müsse die Finanzierung des Unternehmens
gesichert sein, ansonsten sei der Insolvenzantrag unumgänglich. Die Investoren
bezeugten trotz allem weiteres Interesse und wir verabredeten uns für Mittwoch,
den 19. Dezember, in Schweinfurt. Wenigstens noch ein klitzekleiner Hoffnungsschimmer!
Ich würde nach jedem Strohhalm greifen. Ein Jürgen Höller gibt nicht
auf, egal, wie schlimm es stehen mag.

Versagen darfst du, aber nie aufgeben!
MARY CROWLEY

Dienstag, 18. Dezember 2001 Abends waren wir wieder zurück in Schweinfurt. Die
örtliche Tageszeitung hatte natürlich bereits über den Vorfall berichtet, mitsamt
Foto von der Staatsanwaltschaft vor unserem Haus. Erst jetzt erkannte ich das
wahre Ausmaß der Katastrophe: Nicht nur im Unternehmen, sondern auch in
unserem Wohnhaus hatte die Staatsanwaltschaft alles durchsucht und sämtliche
schriftlichen Unterlagen, die relevant waren, mitgenommen. Unsere armen Kinder,
unsere arme Familie! Schweinfurt ist ein Ort in der tiefsten fränkischen
Provinz mit 50 000 Einwohnern und es gibt hier nicht sehr viele prominente Persönlichkeiten.
Natürlich waren wir längst Tagesgespräch und der örtliche Fernsehsender,
vor allem jedoch die örtliche Presse, überboten sich gegenseitig in
Häme, Spott und Angriffen. Doch ich hatte keine Zeit, mich darum zu kümmern,
denn noch war nicht alles verloren, noch gab es eine Möglichkeit zur Rettung.
Mittwoch, 19. Dezember 2001 Um 7 Uhr saß ich bereits wieder im Büro und ließ
mich von meinen Mitarbeitern informieren. Später fand das Treffen mit den
potenziellen Investoren statt. Wir verhandelten bis tief in die Nacht und hatten
sehr schnell eine grundlegende Einigung erzielt. 1,5 bis 1,75 Millionen Euro sollten
in die INLINE AG gepumpt und damit unsere Probleme endgültig beseitigt
werden. Noch abends gelang es mir, sämtliche Altinvestoren für tags darauf an
einen Tisch zu bekommen. Gleichzeitig hatte ich einen Insolvenz-Fachanwalt, die
Vertreter der Wirtschafts- und Rechtsberatungskanzlei Rödl & Partner sowie die
potenziellen neuen Investoren zum Termin gebeten. Nachts um 2 Uhr sank ich in
einen kurzen, unruhigen Schlaf. In meinem Kopf drehte sich immer noch alles.
Donnerstag, 20. Dezember 2001 Schweißgebadet wachte ich gegen 5 Uhr auf und
konnte dann nicht mehr einschlafen. Ich duschte eiskalt, zog mich an und war
bereits um sieben Uhr wieder im Unternehmen. Um 10 Uhr sollte die große Ver-
handlungsrunde beginnen, ich hatte also noch etwas Zeit, mich vorzubereiten.
Um 9 Uhr kam die nächste Hiobsbotschaft: Vor meinem Privathaus hatten sich
mittlerweile drei Kamerateams vom Fernsehen und zehn bis zwölf Reporter versammelt,
um darauf zu warten, dass ich aus dem Haus käme. Ich schickte sofort
zwei Mitarbeiter hin, um mit den Reportern zu sprechen. Als sie erfuhren, dass ich
in Schweinfurt verhandelte, fuhren sie die paar Kilometer zu unserem Bürogebäude.
Doch mittlerweile saß ich bereits in der Verhandlung, die wieder bis spät
in der Nacht dauern sollte. Deshalb fand ich noch nicht einmal die Zeit, zumindest
ein kurzes Statement abzugeben. Da ich nicht zu greifen war, wurde kolportiert,
dass ich mich immer noch im Ausland befinde, mich nicht stellen wolle,
sondern untergetaucht sei. Unglaublich, ich kannte so etwas bislang nur aus dem
Fernsehen. Jetzt ahnte ich, wie sich zum Beispiel Boris Becker gefühlt haben
musste, als die Staatsanwaltschaft vor einigen Jahren bei ihm eine Hausdurch –
suchung wegen möglicher Steuervergehen durchführte. Man fühlt sich hilflos,
man fühlt sich bloßgestellt, man fühlt sich gejagt.
Es ist schon merkwürdig: Wer als Unternehmer im deutschsprachigen Raum
einen geschäftlichen Misserfolg landet, erleidet nicht nur materiellen Schaden,
sondern ist zusätzlich Spott, Häme und oft sogar massiver sozialer Ausgrenzung
aus der Gesellschaft ausgesetzt. Eine Unternehmenspleite ist (in der Regel!) jedoch
nichts, wofür man sich schämen müsste. Nichts, wofür man in sozialer Hinsicht
bestraft werden sollte. Der Schaden ist auch so groß genug: Die Gesellschaft verhält
sich meiner Meinung nach unverantwortlich. Ja, ich bin sogar der Ansicht,
dass diese Einstellung unseren Wirtschaftsstandort massivst schwächt. Denn diese
undifferenzierte öffentliche Vorverurteilung sorgt letztendlich dafür, dass – im
Vergleich zu anderen Ländern, insbesondere den USA – nur wenige Menschen
den Schritt in die Selbstständigkeit wagen. Das Einkommen bleibt aufgrund der
massiven steuerlichen Belastung oft über Jahre hinweg gering, während auf der
anderen Seite das Risiko groß erscheint.
Am Donnerstagabend dann schließlich der vermeintliche Durchbruch: Die Altinvestoren
und die potenziellen Neuinvestoren einigten sich: Es sollten 1,75 Millionen
Euro »frisches« Geld am Freitag, den 21. Dezember 2001, bis 14 Uhr in das
Unternehmen einfließen. Die wesentlichen Bedingungen hielt ich auf einem Flipchart
fest. Die Rödl & Partner-Truppe fuhr gegen 23 Uhr zurück nach Hof, nachdem
sie sich bereit erklärt hatte, bis Freitagfrüh 8.30 Uhr ein Vertragswerk zu
erstellen und dies allen Altinvestoren zuzufaxen. Diese hätten dann gut eine
Stunde Zeit, den Vertrag durchzulesen. Geringfügige Fehler könnten danach
umgehend von Rödl & Partner beseitigt werden. Um 10 Uhr sollten die neuen
Investoren den Vertrag zugefaxt bekommen. Diese wollten sich dann selbst mit
ihrer Hausbank kurzschließen und bis 14 Uhr per Blitzüberweisung das Kapital
zur Rettung der INLINE AG zur Verfügung stellen.
Als ich spätabends an diesem Tag nach Hause kam, war die Pressetruppe mitt-
lerweile abgezogen. Im Kölner Express stand später sinngemäß: Reporter xy habe
meine Frau angerufen, doch diese habe mich verleugnet, denn schließlich sei ich
ja noch in Teneriffa …
Freitag, 21. Dezember 2001 Um 6.30 Uhr verließ ich das Haus. Als die ersten Reporter
um 7 Uhr auftauchten, hatten sie wieder Pech: Jürgen Höller zeigte sich nicht …
Wieder hatte ich nur etwa zwei Stunden geschlafen, aber ich war total aufge –
dreht, mein Puls raste. Würde ich es tatsächlich noch schaffen, alles zu retten?
Um 9.30 Uhr rief ich bei Rödl & Partner an und fragte, ob alle anderen ihre Änderungen
schon durchgegeben hätten. Bis auf eine einzige Ausnahme monierten die
VCs nur Kleinigkeiten. Doch dieser eine stellte nun vollkommen neue Bedingungen.
Ich war fassungslos. Was waren das nur für Menschen?! Wir hatten stundenlang
verhandelt, das Unternehmen schien gerettet. Bei einer Insolvenz würden
sämtliche Altinvestoren ihre Anteile komplett verlieren. Doch nun gab es die
Möglichkeit, das Unternehmen zu retten und damit auch die Anteile – und da
stellte doch tatsächlich jemand vollkommen neue Bedingungen, die vorher nicht
vereinbart waren! Ich tobte vor Wut. Zunächst im Halbstunden-Takt, später im
Viertelstunden-Takt und schließlich alle fünf Minuten rief ich bei den verschie –
denen Altinvestoren und bei Rödl & Partner an. Um 11.50 Uhr bekam ich am
Telefon einen Tobsuchtsanfall, weil der eine Altinvestor immer noch nicht durchgegeben
hatte, welche Änderungen er genau wollte. Ich hatte mittlerweile mehrmals
mit den neuen Investoren gesprochen, diese reagierten äußerst verärgert.
Um 12.35 Uhr das letzte Gespräch mit den neuen Investoren: Sie sagten endgültig
ab! Ihnen erschien die ganze Angelegenheit unseriös und sie hatten kein Vertrauen
mehr. Um 12.48 Uhr reichten mein Vorstandskollege Norbert Beck und ich
per Fax schließlich den Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens beim Amtsgericht
Schweinfurt ein. Ich hatte den Kampf verloren!
Ein kleines »Bonmot« am Rande: Um 15.48 Uhr landete das neue Vertragswerk
endlich auf meinem Schreibtisch. Allerdings mit der »kleinen« Änderung, dass
250000 Euro von den 1,75 Millionen Euro, die insgesamt von den neuen Investoren
fließen sollten, auf ein Extrakonto überwiesen werden sollten. Doch selbst
wenn die neuen Investoren mit dieser »Variante« einverstanden gewesen wären,
wäre es zu spät gewesen, denn die Weihnachtsfeiertage standen vor der Tür. Es
war aus!
Ich berief eine Mitarbeiterversammlung ein und teilte meinen treuen Mitarbeitern
die verheerende Botschaft mit. Zu diesem Zeitpunkt war ich noch relativ
stark und gefasst. Ich konnte doch jetzt nicht zusammenbrechen! Irgendwie
musste es ja im neuen Jahr weitergehen. Ich musste stark bleiben. Ich musste der
Fels in der Brandung sein, an dem sich meine Mitarbeiter aufrichten konnten. Die
Mitarbeiter fielen sich in die Arme und es flossen viele Tränen. Auch mir selber
stiegen Tränen in die Augen, aber irgendwie gelang es mir, nicht zusammenzubre-
chen, sondern Stärke zu zeigen. Schließlich verabschiedeten sich alle und um
etwa 19 Uhr schloss ich das Firmengebäude zu. Wie würde es weitergehen? Was
würde die Zukunft bringen? Ich hatte verloren! Meine schlimmste Niederlage war
perfekt. Kerstin war bereits seit Mittag im Unternehmen gewesen und hatte mitgefiebert.
Auch sie hatte viele Tränen vergossen, doch nun sprach sie mir gemeinsam
mit Axel Mut zu. Wir würden es schaffen, wir wussten zwar nicht wie, aber
irgendwie würde es weitergehen. Und irgendwie schafften wir auch den Weg nach
Hause. Zu Hause klingelte das Telefon, Paul Underberg war dran. Paul, mein alter
treuer Freund, hatte die ganze Geschichte durch die Presse mitbekommen, und
nun sagte er mir seine volle Unterstützung zu. »Egal, was passiert, Jürgen«, versicherte
er, »ich stehe zu dir! Du kannst dich fest auf mich verlassen. Du hast ebenfalls
stets zu mir gestanden, auch in so manch kritischer Situation. Ich werde
immer für euch da sein, euch helfen und dafür sorgen, dass ihr nicht ins Bodenlose
stürzt.« Oh, wie gut taten diese Worte! Noch am selben Abend riefen ein paar
weitere gute Freunde an, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen und mir
ihre Loyalität und Freundschaft zu versichern. Zu diesem Zeitpunkt fühlte ich
mich noch immer sehr standhaft.
Samstag, 22. Dezember 2001 Ausgerechnet in der Nacht zu Samstag erkrankte
unser einjähriger Maximilian so stark, dass Kerstin irgendwann nachts zu ihm ins
Zimmer umzog, da er mit über 40 Grad fieberte. Vielleicht hatte er ja unsere Seelenlage
mitbekommen und trauerte mit? Wer weiß? Auch für mich war es eine
unruhige Nacht mit schrecklichen Alpträumen. Alles drehte sich in meinem Kopf.
Wie im Fieberrausch wurde ich alle paar Minuten wach und hatte Halluzinationen.
Wie würde es wohl weitergehen? Würden meine Kunden mir in Zukunft
noch glauben, wenn ich über Motivation und Erfolg redete? Würden diese überhaupt
noch zu meinen Seminaren kommen? Würde ich noch von Firmen und
Kongressveranstaltern zu Vorträgen eingeladen werden? Würden meine Mitarbeiter
weiterhin bei mir arbeiten wollen? Frühmorgens schlich ich mich leise zu
Kerstin und Maximilian ins Nebenzimmer und kuschelte mich an sie. Sie war
noch schlaftrunken und mir tat es Leid, sie aufzuwecken. Aber ich brauchte jetzt
einfach ihre Wärme, ihren Trost. Mein ganzer Körper wurde geschüttelt, jetzt
hatte ich einen kompletten Zusammenbruch. Der Samstagvormittag war schrecklich.
Immer wieder übermannten mich meine Emotionen und ich war vollkommen
verzweifelt. Unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, unfähig, irgendwie
zu agieren. Bereits seit Freitagabend hatte es stark geschneit und mittlerweile lag
gut und gerne ein halber Meter Schnee – so viel wie seit Jahren nicht mehr. Unser
fünfjähriger Sohn Alexander war zwar betroffen von der Situation, die er durchaus
realisierte, aber er wollte mittags unbedingt mit mir in den Garten, um einen
Schneemann zu bauen. Ich willigte schließlich ein und begann die großen Kugeln
für einen Schneemann zu rollen. Immer wieder lief Alexander durch den Schnee,
warf sich jauchzend hinein und freute sich einfach an so etwas Banalem wie
Schnee. Und da ging es mir etwas besser. Doch nur kurz.
Als ich erneut schluchzend am Esszimmertisch saß, den Kopf auf meine Hände
gestützt, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, kam Kerstin, meine geliebte,
wunderbare Kerstin, zu mir und sagte: »Sieh mal, was heute für ein herrlicher Tag
ist!« Ich unterbrach meine »Selbstverzweiflungsphase«, hob den Kopf und starrte
sie ungläubig und verständnislos an: »Wieso, was ist denn für ein Tag?« Und
schluchzte sofort wieder los.
»Nun, es schneit immer noch. Wir werden endlich mal wieder eine richtig
weiße Weihnacht erleben. Dein Sohn Alexander möchte morgen mit dir Schlitten
fahren.«
Ich brach wieder in Tränen aus. »Was soll an diesem Tag wunderbar sein, wir
haben alles, wirklich alles verloren!«
»Haben wir für Weihnachten eigentlich genügend zu essen eingekauft?«, fragte
sie mich.
»Ja, natürlich, du hast ja alles besorgt«, antwortete ich.
»Siehst du, also haben wir doch nicht alles verloren, sondern über die Weihnachtsfeiertage
noch genügend zu essen, wir können mit der Familie feiern.«
Ich musste wider Willen lächeln, denn bei allem, was passiert war, hatten wir
immerhin noch genügend zu essen – und damit ging es uns womöglich besser als
80 Prozent der Weltbevölkerung!
»Und ich habe gerade eine Flasche Wein aus dem Keller geholt. Dort stehen
noch ein paar mehr. Du liebst doch deinen Wein. Haben wir also wirklich alles
verloren?« Ich musste noch mehr lächeln, denn für die nächsten paar Wochen
würde der Weinvorrat natürlich noch reichen.
»Schau mal, Alexander ist wieder im Garten. Sieh mal, wie er im Schnee tobt,
wie glücklich er ist. Haben wir nicht zwei wundervolle Kinder? So gesund, so
vital, so hübsch, so intelligent.« Ja, weiß Gott, das haben wir. »Soll ich eigentlich
den Notarzt rufen?«, fragte mich Kerstin. Ich starrte sie an, unfähig zu verstehen,
was sie meinte.
»Nein, wieso denn? Natürlich bin ich gesund, ich fühle mich einfach nur
besch…«
»Siehst du, du bist gesund, ich bin gesund, unsere Kinder sind gesund. Damit
geht es uns doch eigentlich gar nicht so schlecht. Wenn wir gesund sind, können
wir doch morgen irgendetwas tun, wir können arbeiten, damit wir weiterhin
unseren Lebensunterhalt bestreiten können. Du sagst, wir haben alles verloren,
was meinst du mit ›alles verloren‹? Wem geht es wohl besser: dem Mann, der Millionen
auf dem Konto hat, aber gerade eben erfahren musste, dass er an Krebs
erkrankt ist und nur noch wenige Monate zu leben hat. Oder dir, der zwar all sein
Geld verloren hat, aber gesund ist, intelligent ist, über unglaubliches Wissen verfügt
und zudem eine Frau und tolle Kinder hat?«
Ich verstand, was sie meinte. Wir hatten nicht alles verloren. Wir hatten einen
Teil verloren, aber eben nicht alles. Und wir waren durchaus in der Lage, alles wieder
zu gewinnen.

Die Mitte der schwarzen Nacht ist auch
der Anfang des hellen Tages!

Sonntag, 23. Dezember 2001 Am Nachmittag stand ein Besuch bei meinen Eltern
auf dem Programm. Meine Mutter feierte nachträglich ihren 60. Geburtstag und
hatte meinen Bruder, dessen Lebenspartnerin sowie meine Familie und mich zu
Kaffee und Kuchen eingeladen. Zum ersten Mal hatte ich mich wieder aus dem
Haus getraut, und die Stimmung war natürlich gedrückt. Ja, ich gebe es zu: Ich
fühlte mich dermaßen schlecht, dass ich mich fast 48 Stunden verkrochen hatte,
weil ich es nicht ertragen konnte, irgendjemandem in die Augen zu blicken. Mein
Selbstwertgefühl, mein Selbstbewusstsein war auf dem Nullpunkt angelangt. Ich
hatte die größte Niederlage meines Lebens erlitten und wusste nicht, wie es weitergehen
sollte. Deshalb war der Besuch bei meinen Eltern ein wichtiger Schritt,
denn es bedeutete für mich, meine »Komfortzone« zu verlassen. Es bedeutete,
dass ich mir zum ersten Mal seit dem Zusammenbruch wieder ein Ziel gesetzt
hatte. Und du weißt ja, dass man zur Realisierung seine Bequemlichkeitszone verlassen
muss. Ich war so tief gefallen, ich war so angeschlagen, so verletzt, so verstört,
dass ich es als Erfolg ansah, an diesem Sonntagnachmittag mein Haus verlassen
zu haben …

Und wenn ich wüsste, dass ich morgen
diese Welt verlassen müsste,
so würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.

MARTIN LUTHER

Das Familientreffen verlief übrigens sehr harmonisch. Irgendwie schien diese
Krise uns als Familie enger zusammenzuschweißen. Mein Bruder, der acht Jahre
jünger ist als ich und zu dem ich viele Jahre lang keinen besonders innigen Kontakt
mehr hatte, erwies sich in dieser Situation als echter Bruder. Denn alle Barrieren
waren wie weggeblasen, wir waren wieder Brüder, wo einer für den anderen
einsteht.
Montag, 24. Dezember 2001, Heiligabend Kerstin und ich hatten in diesem Jahr
geplant, Heiligabend gemeinsam mit der ganzen Familie bei uns zu Hause zu feiern.
Kurzfristig hatte Kerstin noch überlegt, ob wir das Ganze absagen sollten,
aber ich war dagegen. Ich wollte mir von dieser schwierigen Situation nicht vorschreiben
lassen, wie wir Weihnachten verbringen sollten. Und es wurde tatsäch-
lich ein wunderschönes Weihnachtsfest. Das schönste Geschenk aber hatte ich
von meinem Sohn Alexander bereits vor dem Fest erhalten. Er war zu Kerstin
gegangen und hatte sie gefragt: »Mutti, kannst du was für mich aufschreiben, das
ich Papa geben möchte?« »Natürlich«, antwortete Kerstin und besorgte sich ein
Blatt Papier und einen Stift.
»Alles Gute für Papa! Ich habe dich so lieb! Ich glaub an dich so sehr, dass alles
wieder gut wird. Ich werde dich niemals verlassen. Du bist der beste Papa der
Welt. Dein Alexander.« Seinen Namen konnte er bereits selbst auf den Zettel
schreiben. Als er mir sein Geschenk übergab, war ich zutiefst gerührt. Von all den
wunderbaren Dingen, die ich in der Vergangenheit erhalten hatte, war dies das
schönste Geschenk. Ich nahm Alexander ganz fest in die Arme und sagte: »Alexander,
das ist das Wunderbarste, was du mir jemals in deinem Leben geschenkt
hast und schenken kannst. Weißt du, wir haben so viel verloren. Vielleicht müssen
wir sogar aus unserem Haus in eine winzig kleine Wohnung ziehen. Papa wird
darum kämpfen, dass es nicht so weit kommt, aber das könnte passieren. Aber
wenn Papa weiß, dass du ihn trotzdem lieb haben wirst, wenn wir alle zusammen
aus diesem Haus ausziehen müssen und du trotzdem noch zu mir stehst, dann
wird Papa es schaffen, eines Tages ein neues Haus zu bauen. Kann ich mich auf
dich verlassen?« Alexander nickte mit fest entschlossenem Gesicht und sagte: »Ja,
Papa, auf mich kannst du dich verlassen, ich hab dich sehr lieb, wir schaffen es!«
Den ersten und den zweiten Weihnachtsfeiertag verlebten wir ruhig zu Hause
und ich sammelte wieder etwas Kraft. Das Schlimmste lag hinter mir, dachte ich,
und langsam baute sich neue Energie auf.
Ich würde weiterkämpfen, das wurde mir immer mehr klar. Hatte ich nicht
immer von der Bühne »gepredigt«, dass Aufgeben nicht infrage kommt? Nach
dem Motto: Geht nicht, gibt’s nicht!

Und wenn’s nicht mehr geht?
Dann muss es eben!

Manchmal muss man sich einfach dafür entscheiden, etwas zu tun, etwas zu vollbringen
– auch wenn es absolut unmöglich erscheint. Für dieses Unmögliche
stand in meinen Seminaren der Gang über den Scherbenteppich oder über glühende
Kohlen. Wenn eine zierliche Frau mit einem einzigen Schlag ihrer Hand ein
dickes Brett zerschlug, war das ein Symbol dafür, dass das unmöglich Erscheinende
trotz allem möglich ist. Daran musste ich jetzt denken. Und ich erinnerte mich
daran, wie ich selbst Anfang Januar 1995 barfuß und zitternd auf einem Stuhl
gestanden hatte und über 30 Minuten benötigte, ehe ich schließlich in den Scherbenhaufen
sprang – und keinerlei Schnitte davontrug! Ich hatte etwas Unmögliches
möglich gemacht! Und jetzt würde ich wiederum eine Grenze durchstoßen:
Wenn es nicht mehr geht, dann muss es eben gehen!
Am 11. Januar 2002 wollte ich um 19.30 Uhr gerade mein Büro verlassen, da sah
ich drei meiner Mitarbeiter, Kerstin, Andreas und Axel, die immer noch arbeiteten.
Allerdings ohne großen Elan, ohne Energie. Wie denn auch! Hatten sie doch
ebenfalls monatelang gekämpft, gehofft, gebetet und das Letzte gegeben, um
dann dennoch die Niederlage hinnehmen zu müssen. In den Tagen nach dem 21.
Dezember 2001 hatte ich zwar waschkörbeweise Post von meinen Kunden und
Fans bekommen, die mich aufmunterten, mir ihr Mitgefühl ausdrückten und
mich dabei unterstützten, weiterzumachen, kurz: die Parole ausgaben: »Gib niemals
auf!«
All dies hatte meinen Mitarbeitern und mir viel Kraft gegeben, aber dennoch
war die Unsicherheit groß, ob und, wenn ja, wie wir es schaffen könnten. Am
14. Februar 2002 sollte das erste Seminar in Österreich und am 22. Februar das
erste deutsche Seminar in Mannheim stattfinden. Für Mannheim hatten wir 283
Plätze reserviert und bis zu diesem Zeitpunkt erst 31 Karten verkauft. Die Zukunft
sah also nicht besonders rosig aus. Und das spiegelte sich in den Gesichtern meiner
drei Mitarbeiter wider. Ich schnappte mir die drei, sah ihnen direkt in die
Augen und begann – vollkommen ungeplant aus dem Bauch heraus – auf sie einzureden:
»Es muss jetzt aufhören, dass wir uns ständig selber bemitleiden. Wir müssen
uns ein neues Ziel setzen, wir müssen dieses erreichen und uns damit beweisen,
dass wir es wieder schaffen können. Für Mannheim haben wir erst 31 Karten verkauft.
Jetzt machen wir etwas Verrücktes, etwas vollkommen Verrücktes: Ich
möchte, dass ihr morgen dort anruft und einen größeren Saal mit 500 Plätzen
bucht. Und ich möchte, dass wir ab morgen so Gas geben, dass wir dieses Ziel
erreichen.« Die drei schauten mich entgeistert an. Bisher hatten wir 31 Karten
verkauft – und nun sollten wir innerhalb von etwa sieben Wochen fast 500 Karten
verkaufen? War der Chef jetzt vollkommen verrückt geworden?
»Ich weiß, was ihr denkt, aber erinnert euch an das, was ich euch beigebracht
habe: Wenn man sich ein hohes Ziel setzt, erscheint es einem oft so weit entfernt,
dass man nicht glauben kann, es erreichen zu können. Wer kann sich schon vorstellen,
zu Fuß von Schweinfurt nach Moskau zu laufen, 2000 Kilometer? Wenn
wir uns aber 100 Tage Zeit lassen, sind das pro Tag gemütliche 20 Kilometer, das
schafft fast jeder. Und genauso ist es mit dem 22. Februar. Wir haben noch 35
Arbeitstage. Wenn wir täglich 14 Karten verkaufen, ist der Saal voll. Bei zehn Verkaufsmitarbeitern
sind das nur 1,4 verkaufte Powernight-Karten pro Tag. Traut ihr
euch das zu?«
Die drei hatten jetzt begriffen und nickten begeistert. 1,4 Karten am Tag, das
dürfte doch wohl kein Problem sein! »Seht ihr. Und wenn wir das geschafft
haben, dann stellt euch einmal vor, was das für ein Zeichen ist! Ein Zeichen für
unsere Kunden, ein Zeichen für unser Unternehmen, ein Zeichen für die Journalisten
und den gesamten Markt: Jürgen Höller ist zurück! Könnt ihr euch vorstel-
len, wie wir uns fühlen, wenn wir auf der Bühne stehen und die 500 Leute
anschauen können, die gekommen sind? Spürt ihr auch das Kribbeln in eurem
Bauch, genauso wie ich?«, fragte ich sie.
Ihre Gesichter strahlten, ihre Körper strafften sich und wie aus einem Mund
antworteten sie: »Ja, das schaffen wir!«
Am 14. Februar 2002 fanden sich fast 1100 Teilnehmer im österreichischen Klagenfurt
zum allerersten Seminar nach der Krise ein. Unser Ziel für den 22. Februar
in Mannheim, nämlich 500 Teilnehmer vor uns sitzen zu haben, verfehlten wir
dann allerdings, und zwar sehr deutlich, nämlich um mehr als 30 Prozent: 650
Teilnehmer hatten sich angemeldet!

Fortsetzung folgt!

Ihr „Zitat des Tages“ vom 29.09.2012‏

Ihr „Zitat des Tages“

Lieber Herr Heinz Badura,

heute, am 29. September 2012, einen erfreulichen und erfolgreichen Tag für Sie!

Herzliche Grüße
Axel Haitzer

„Die Schlechten sind immer undankbar.“

Miguel de Cervantes, eigentlich Miguel Cervantes y Saavedra
War ein spanischer Schriftsteller und schrieb unter anderem ‚Don Quijote‘. Er gilt als Spaniens Nationaldichter.
* vermutlich am 29.09.1547 in Alcalá de Henares (Region Madrid), Spanien
† 23.04.1616 in Madrid, Spanien

nur-Zitate ist ein Portal der aicovo gmbh, Hechtseestraße 16, D-83022 Rosenheim,
gebührenfreie Servicenummer für Anrufer, aus Deutschland 0800 – 40 44 800 oder
Telefon +49 (0) 80 31- 222 76 56, E-Mail willkommen@aicovo.com

Impressum der aicovo gmbh:
Sitz: D 83115 Neubeuern, Handelsregister: HRB 13900 – Amtsgericht Traunstein,
Geschäftsführerin: Martina Haitzer – USt.-ID-Nummer: DE 219762137,
aicovo® ist eine eingetragene Marke der aicovo gmbh

Und immer wieder aufstehen! Von Jürgen Höller –

5 Der Anfang vom Ende

Es gibt nur einen Ort mit 10 000 Menschen,
die keine Probleme haben: den Friedhof!

NORMAN VINCENT PEALE

Januar und Februar 2001 waren geprägt von zahlreichen Bankterminen. Der Businessplan
stand, alle Maßnahmen für den geplanten Börsengang waren getrof –
fen und die Firma war so aufgestellt, um das stürmische Wachstum bis 2005 weiter
vorantreiben zu können. Sie hatte mittlerweile zirka 150 Mitarbeiter, die sich
auf fünf verschiedene Standorte verteilten. Natürlich ein Unding im Hinblick
auf optimale Informations- und Kommunikationsflüsse. Deshalb hatten wir auch
mehrere Millionen Euro aus dem Börsengang für ein neues Firmengebäude an
einem einzigen Standort eingeplant. Von zehn Banken, die wir wegen des Bör –
sengangs angingen, baten sechs sofort um einen Termin mit uns. Von diesen
sechs Banken, bei denen wir dann das Konzept der INLINE AG vorstellten, waren
fünf restlos begeistert und wollten uns unbedingt an die Börse begleiten. Die
Börsenkurse waren allerdings entgegen den Prognosen aller in- und auslän –
dischen Experten noch stärker abgerutscht. Der Börsenwert der INLINE AG be –
trug Mitte Februar immer noch etwa 80 bis 90 Millionen Euro. Zwischen dem
18. Februar und dem 20. März 2001 sank jedoch der durchschnittliche Börsen –
kurs unserer »Peer-Group« um 36 Prozent. (Eine Peer-Group ist eine Gruppe mit
einzelnen Firmen, die bereits börsennotiert sind und die zur Ermittlung des Firmenwertes
des zu analysierenden Unternehmens herangezogen werden. Die
einzelnen Unternehmen sind dabei in einem gleichen oder ähnlichen Bereich
tätig wie die zu bewertende Firma. In unserem Fall waren das fast ausschließlich
amerikanische Unternehmen, teilweise reine E-Learning-Firmen, die bereits in
den USA an der Nasdaq gelistet waren.) Unsere Peer-Group erlitt jedoch in die –
sen vier Wochen einen so massiven Einbruch, dass der Wert der INLINE AG mit
40 bis 50 Millionen Euro nun zu gering war, um sie noch an die Börse führen zu
können.
Als die fünfte und letzte Bank uns mitteilte, dass wir den Börsengang so lange
verschieben müssten, bis sich der NEMAX (Neuer Markt Index) wieder auf 3000
bis 3500 Punkte über einen längeren Zeitraum hinweg (sechs Monate) erholt
hätte, hatte ich das Gefühl, mit dem Kopf gegen die Wand gelaufen zu sein. Alles
hatte ich riskiert, doch nun kam der geplante Börsengang vier bis sechs Wochen
zu spät …
Als feststand, dass der Börsengang 2001 auf keinen Fall stattfinden würde, führten
wir natürlich sofort Gespräche mit den VCs, die bei uns investiert hatten. Für
diese schien das Ganze kein sonderliches Problem zu sein, es würde einfach eine
entsprechende Nachfinanzierung geben, und sobald die Börsen sich wieder drehten,
würde der Börsengang durchgeführt. Allerdings war klar, dass wir das Expansionstempo
der letzten Monate nun nicht mehr durchhalten konnten, stattdes –
sen mussten wir einen Restrukturierungsprozess einleiten (massive Senkung der
Kosten).
Mein Traum musste also verschoben werden, war aber noch nicht geplatzt. Mit
einer entsprechenden neuen Finanzierung würde das Ganze doch noch funktionieren.
Ich frage mich nun natürlich, ob ich mich mit dem Plan des Börsengangs
damals nicht selbst überschätzt habe oder vielleicht einen Anflug von Größenwahn
hatte. Ich hatte zwar in meinen Seminaren und Büchern immer darauf hingewiesen,
dass erfolgreiche Menschen sich ein wenig selber überschätzen müssen,
um erfolgreich zu sein. Aber was hatte ich damit eigentlich gemeint? Ausdrücken
wollte ich, dass wir alle in einer Komfortzone, von mir »Bequemlichkeitszone«
genannt, leben. Innerhalb dieser Komfortzone befinden sich die »Dinge«, die wir
schon kennen und die wir immer wieder auf die gleiche Weise tun. Das bringt
Sicherheit. Denn wenn wir das, was wir schon immer gemacht haben, wieder tun,
dann kennen wir bereits im Voraus das Ergebnis. Es mag nicht sonderlich überragend
sein, aber immerhin können wir überleben.
Ihr seht und sagt: Warum?

Aber ich träume und sage: Warum nicht?
GEORGE BERNARD SHAW

Ich hatte so fest an diesen Börsengang geglaubt. Mit all meiner Kraft war ich mir
sicher, diesen Börsengang schaffen zu können. Ich hatte alles riskiert – und dann
alles verloren! Widerspricht dieses Ergebnis nicht den Erfolgsgesetzen, die ich
bereits tausendfach propagiert habe? Als da sind:
1. Das Gesetz des Glaubens: Wenn du nur fest genug glaubst, wird »es« sich
erfüllen!
2. Das Gesetz der Zielsetzung: Wer sich Ziele setzt und diese fest genug in seinem
Unterbewusstsein programmiert, wird sie auch erreichen!
Nun, auf den ersten Blick scheinen diese Erfolgsgesetze in der Realität des Lebens
also doch nicht so einfach zu funktionieren. Bei genauerer Betrachtung jedoch
gibt es natürlich Gründe dafür, warum ich mein Ziel, den Börsengang, trotz kon-
kreter Zielsetzung und festen Glaubens nicht erreichte. Die Gründe dafür, warum
wir uns manchmal Ziele setzen und diese dann trotz aller Zuversicht nicht erreichen,
sind:
1. Die Ziele entsprechen nicht unseren Talenten, unseren Begabungen.
2. Sie entsprechen nicht unseren Aufgaben, unserem »Plan«, der für uns vorgesehen
ist.
3. Das Scheitern ist notwendig, damit wir weiter wachsen können.
4. Was kann man daraus lernen?

Wie war das bei mir?

Zu Punkt 1: Das Ziel entspricht nicht unseren Talenten und Begabungen. Nun, dies
war sicherlich bei mir der Fall. Ich weiß, dass ich ein Unternehmen erfolgreich leiten
und auf der Bühne Menschen begeistern kann. Als Vorstandsvorsitzender
einer AG, die an die Börse geht, treten jedoch zahlreiche andere Tätigkeiten in
den Vordergrund: ständige Gespräche und Termine mit Bankern und Analysten,
Investoren, Rechtsanwälten, Notaren, Wirtschaftsprüfern, Steuerberatern, Aufsichtsräten,
Vorständen, VCs, etc. Zugegebenermaßen machte mir meine Arbeit
zunehmend weniger Spaß. Glücklich und innerlich zufrieden war ich eigentlich
nur, wenn ich auf der Bühne stand. An den Tagen, wo es terminlich um die AG
ging, fühlte ich mich energielos, kraftlos und ohne Freude.

Zu Punkt 2: Das Ziel entspricht nicht meiner Aufgabe. Die INLINE AG wäre mithilfe
des Börsengangs zu einem kleinen »Konzern« im Bereich der Weiterbildung geworden.
Die INLINE AG hätte verschiedene Geschäftsfelder bearbeitet, zum Beispiel
Live-Learning, E-Learning, Lizenznehmerschaften, Erfolgs- und Motivationsclubs
und so fort. Doch meine eigentliche Aufgabe lautete immer: »Ich möchte möglichst
vielen Menschen dabei helfen, ihr Leben noch erfolgreicher und glücklicher zu führen.«

Hätte der Börsengang geklappt, hätte ich mich wahrscheinlich von dieser Aufgabe
entfernt, weil ich mehr Zeit mit den »Geld-Haien« hätte verbringen müssen.

Zu Punkt 3: Manchmal ist das Scheitern notwendig, weil es uns zu innerem Wachstum
anregt.
Dies kann ich noch nicht abschließend beurteilen; die Ereignisse sind
noch zu frisch, es ist noch nicht genügend Zeit vergangen. Dennoch glaube ich
fest daran, denn zwischen dem 21. und 23. Lebensjahr hatte ich ebenfalls eine
große Krise zu bestehen. Mit einem größeren Abstand stellte ich anschließend
fest, dass diese Zeit, so hart sie für mich auch seinerzeit war, in der ich sogar daran
dachte, meinem Leben ein Ende zu setzen, der Grundstein für meine spätere Karriere
war. Ich wurde dadurch gezwungen zu wachsen, aus meiner Komfortzone
herauszugehen.

Stelle dir deine Komfortzone als einen Kreis um dich selbst herum vor, in
etwa so: Skizze lässt sich nicht einpflegen! Schade

In der Skizze kannst du erkennen, was ich meine: Der Mensch hat um sich herum
eine Komfortzone geschaffen. Ziele (= Z) liegen immer außerhalb der Komfortzone,
denn wenn sie innerhalb liegen würden, wären sie Teil unseres Lebens,
demnach würden wir das Vorhaben nicht mehr als Ziel bezeichnen. Um unsere
Ziele zu erreichen, müssen wir die Komfortzone verlassen. Dieses Verlassen der
Komfortzone bedeutet automatisch geistiges Wachstum. Auf der rechten Seite
siehst du die Probleme (= P). Probleme liegen ebenfalls immer außerhalb der
Komfortzone. Wenn Probleme innerhalb der Komfortzone liegen, dann nennen
wir sie Aufgaben (= A). Ein Beispiel: Vielleicht hast du Kinder? Nehmen wir an,
dein Kind kommt weinend auf dich zu, schluchzt und hat ein großes Problem. Du
hörst es dir an, musst innerlich lächeln, was du dem Kind natürlich nicht zeigst,
denn für dich ist das Ganze gar kein Problem, sondern du kennst bereits die
Lösung. Für dich ist das große Problem des Kindes also nur eine Aufgabe. Du gibst
dem Kind einen Rat, das Weinen verstummt und es ist wieder fröhlich. Für dich
ist es nur eine Aufgabe, weil du vor vielen Jahren vielleicht selber einmal dieses
Problem hattest und eine Lösung dafür finden musstest. In dem Moment, wo du
eine Lösung gefunden hast, ist das Problem, wenn es wieder auftaucht, immer nur
eine Aufgabe für dich. Um jedoch ein Problem zu lösen, musst du deine Komfortzone
verlassen.
Lebensziele (= LZ) und Lebenskrisen (= LK) liegen ebenfalls außerhalb unserer
Komfortzone, jedoch unendlich weit entfernt. Und gerade weil diese Lebensziele
und Lebenskrisen so entfernt liegen, erscheint es den meisten Menschen unmöglich,
diese zu erreichen bzw. zu lösen. Viele Menschen kapitulieren deshalb, das
heißt, sie stecken sich keine hohen Ziele mehr bzw., wenn eine Lebenskrise eintritt,
verlieren sie jede Hoffnung, weil sie sich nicht vorstellen können, diese Krisen
zu meistern, und geben auf.
Wenn du dir jedoch einen Plan machst, um ein Lebensziel zu erreichen oder
eine große Krise zu lösen, und dabei kleine Etappenziele formulierst, dann ergibt
sich plötzlich eine vollkommen neue Sichtweise: Denn Etappenziele (= EZ) sind
gar nicht mehr so weit von der bestehenden Komfortzone entfernt und ängstigen
uns deshalb auch nicht sonderlich. Vielleicht hilft dir folgendes Beispiel: Wenn
ich die Teilnehmer in meinen Seminaren darum bitte, die Hand zu heben, wenn
sie sich in der Lage fühlen, gemeinsam mit mir 2000 Kilometer zu Fuß nach Moskau
zu laufen, sind es immer nur einige wenige Hände, die nach oben gehen.
Wenn ich den Teilnehmern jedoch sage, dass wir uns 100 Tage Zeit dafür lassen,
also jeden Tag nur gemütliche 20 Kilometer laufen, uns dabei unterhalten, häufig
einkehren etc., dann schnellen fast alle Hände empor. Du siehst, es ist oft nur eine
Frage der richtigen Sichtweise.
Zu Punkt 4: Ja, was können wir daraus lernen? Ich hatte meine Unternehmensberatung
»Inline« seinerzeit gegründet, mit der Absicht, möglichst vielen anderen
Unternehmern mit meinem Wissen zu helfen, ihr Unternehmen erfolgreicher
führen zu können.
Auch später, als ich als Trainer auf die Bühne ging, Bücher schrieb etc., stand
dahinter immer der höhere Sinn, möglichst viele Menschen mit dem gleichen
Wissen zu versorgen, das mein Leben positiv verändert hatte.
Meine Lebensaufgabe sah ich darin, möglichst vielen Menschen zu helfen,
erfolgreicher und glücklicher leben zu können. Doch hatte ich, im Rückblick,
diese Aufgabe während der Zeit des Börsengangs verloren. Während in all den
Jahren bis 1999 immer die Menschen im Mittelpunkt meines Denkens und Handelns
als Unternehmer und Trainer standen, verschob sich die Wertigkeit nunmehr
hin zum Thema Geld – und zur Befriedigung des eigenen Egos.
Ja, mein Ego sonnte sich ja regelrecht darin, überall hofiert zu werden, hunderttausende
von Menschen in meinen Seminaren sitzen zu haben, in praktisch
jeder Talkshow und Fernsehsendung auftreten zu können, usw. Und so arbeitete
ich nicht mehr für die Menschen – sondern für mich selbst, Ich war meiner eigenen
Lebensaufgabe regelrecht »untreu« geworden – witzigerweise wurde ich später
auch wegen dieses Punktes verurteilt, obwohl ich mir dabei keiner Schuld
bewusst war, aber dazu später noch mehr

Was immer du tun kannst oder träumst, es zu können.
Fang damit an! Mut hat Genie,
Kraft und Zauber in sich!

JOHANN WOLFGANG VON GOETHE

Montag, 9. April 2001 Am Vorabend war ich mit dem Flieger von einem zwei –
tägigen Seminar in Salzburg direkt nach Berlin geflogen und vom ZDF im wunderschönen
Four-Seasons-Hotel einquartiert worden. Tagsüber bummelte ich
gemütlich durch Berlin, hatte mir am Potsdamer Platz eine Imax-Vorstellung
angesehen und mir dann in aller Ruhe einen herrlichen Eisbecher beim Italie –
ner in der Einkaufsarkade gegönnt. Ich genoss an diesem Tag einmal das Gefühl,
mit praktisch niemandem reden zu müssen und einmal vollkommen mit mir
und meinen Gedanken allein sein zu können. Nachmittags wurde ich dann von
einem ZDF-Fahrer abgeholt und zum nagelneuen ZDF-Studio »Unter den Linden«
gefahren. Dort warteten bereits die anderen Gäste, um bei einer Aufzeichnung
zu einer ZDF-Talkshow »Berlin Mitte« mit Maybritt Illner dabei zu sein. Weitere
Gäste neben mir waren unter anderem der frühere Immobilienkönig Jürgen
Schneider, der Politiker Lothar de Maizière und der Modeschöpfer Wolfgang
Joop. Vom ersten Moment an fand ich Wolfgang Joop faszinierend und sym –
pathisch. Irgendwie hatte ich bei ihm eine Art Seelenverwandtschaft entdeckt.
Ihm erging es wohl genauso, denn in der Sendung waren wir in vielen Dingen
einer Meinung. Leider musste ich unmittelbar nach der Sendung zurückflie –
gen, sodass ich keine Gelegenheit mehr hatte, mich näher mit ihm zu unter –
halten.
Einige Wochen später haben wir das dann nachgeholt. Wir trafen uns zusammen
mit einigen seiner Freunde und Mitarbeiter sowie seiner nicht nur äußerst
begabten, sondern auch überaus sympathischen Tochter Jette an einem herrlichen
Sommerabend in einem Potsdamer Restaurant. Wolfgang Joop ist wirklich
eine faszinierende Persönlichkeit mit unglaublich vielen Facetten, Talenten und
Begabungen. Auch er hatte eine bittere Erfahrung hinter sich. Vom Anfang seiner
Karriere an verfolgte er einfach nur seine Aufgabe, nämlich Mode zu designen. Er
baute zusammen mit seinem Partner die Modefirma »Joop!« auf. Im Laufe der Zeit
wurde die Firma immer erfolgreicher und so wurde Wolfgang immer mehr mit
Managementthemen konfrontiert. Schließlich ging seine Partnerschaft aufgrund
unterschiedlicher Auffassungen in die Brüche und die Modefirma wurde an den
Mischkonzert »Wünsche AG« verkauft.
Wolfgang behielt nur noch fünf Prozent Anteile, die er jedoch, als wir uns trafen,
bereits verkauft hatte. Wolfgang Joop darf nicht einmal mehr seinen Namen
für ein Mode-Label verwenden. Er hat zwar große materielle Mittel – aber sein
»Werk« verloren …
Die nächsten Wochen waren geprägt von diversen Gesprächen mit den vorhandenen
Venture Capitalists, die davon überzeugt waren, dass wir eine wei tere
Finanzierungsrunde würden durchführen können, um danach einfach einen
neuen Anlauf hinsichtlich des Börsengangs nehmen zu können. Ich selber
aber hatte bereits ein sehr ungutes Gefühl im Bauch, das von Tag zu Tag stärker
wurde.
Mittwoch, den 24. April Eine Weltpremiere im Seminarbereich: Die Kraft des Tigers!
25 ausgewählte Seminarteilnehmer sowie Prominente hatten die Gelegenheit,
am zweiten Seminartag in einem Freilauf-Tigergehege in der Nähe von Bratis –
lava direkten Kontakt mit echten Sibirischen Königstigern zu haben, ohne Zaun,
ohne Käfig. Es war sehr beeindruckend, diese Kraftpakete so hautnah zu erleben.
Endlich war es so weit: Die ersten Teilnehmer durften gemeinsam mit mir in
das Tigergehege. Dort warteten schon die bis zu 430 Kilo schweren Tiere auf
uns. Sicherlich wird jeder zugeben, dass ihm in diesem Moment das Herz in die
Hose rutschte. Jeder war »bewaffnet« mit einer Dose Sprühsahne, denn die Tiger
lieben Sahne über alles. Die Teilnehmer sprühten sich immer wieder Sahne auf
ihre Handflächen und ließen sie von den Tigern abschlecken. Die Zunge eines
Tigers fühlt sich ähnlich an wie grobes Schmirgelpapier. Währenddessen konnten
wir die Tiger kraulen, streicheln, sie ließen sich alles gefallen. Ein unglaubliches
Erlebnis.
Gegen Ende des Seminars kam einer der Betreuer auf mich zu und fragte, ob ich
einmal einen der Tiger reiten wolle. Ich schluckte und wusste nicht recht, was ich
antworten sollte. Ein zirka ein Meter hoher, zwei Meter langer und 430 Kilo
schwerer Tiger mit mehreren Zentimeter langen Reißzähnen kann einem schon
Respekt einflößen … Doch ich überwand meine Komfortzone (die anwesenden
Presseleute, die mich erwartungsvoll anschauten, motivierten mich hier sicherlich
ein wenig …) und bestieg den größten Tiger. Mein Herz rutschte dabei nicht
nur in die Hose, sondern vielleicht hatte ich dieselbe in diesem Moment sogar
voll … Ich ritt aber schließlich auf dem Tiger durch das Gelände und wurde von
den Fotografen und Kameraleuten aufgenommen. Ich gebe es jedoch ehrlich zu:
Richtig wohl fühlte ich mich erst, als ich wieder auf sicherem Boden stand. Denn
was denkt ein Tiger sich wohl dabei, wenn so ein »frecher Hund« plötzlich auf seinem
Rücken sitzt?
Im Mai jagten Seminarauftritte und Termine mit den Venture Capitalists einander.
Unsere alten VCs hatten mittlerweile einem Wirtschaftsprüfer den Auftrag
gegeben, die INLINE AG zu checken, um festzustellen, welche Finanzmittel
zusätzlich bereitgestellt werden müssten, um das Unternehmen seriös durchzufinanzieren.
Leider hatten sich das Börsenklima und die Wirtschaftslage inzwischen
dermaßen verschlechtert, dass es seit Anfang April 2000 praktisch überhaupt
keine Börsengänge mehr gab. Die Kurse sackten immer weiter ab und ein
Ende war noch nicht abzusehen. Unsere VCs hatten jetzt nicht nur ein Problem
mit der INLINE AG, die zusätzlichen Finanzbedarf hatte, sondern Dutzende ihrer
anderen Firmen waren in der gleichen Lage wie wir. Ich nehme an, dass die für
alle Beteiligten neue Situation auch die Fähigkeiten der VCs überforderte. Die
richtige Entscheidung wäre gewesen, sich auf das vielversprechende Drittel der
Firmen zu konzentrieren, in die sie investiert hatten, und diese mit ausreichend
Kapital auszustatten. Auf diese Weise wäre der Börsengang zu einem späteren Zeitpunkt,
wenn der Markt sich erholt hätte, doch noch möglich gewesen. Doch in
dieser Situation reagierten die VCs nach dem Gießkannenprinzip: Sie wollten
jedem Unternehmen helfen und jedes Engagement retten, was sich letztendlich
fatal auswirkte.

Es ist nicht schlimm, ein Ziel nicht zu erreichen,
viel schlimmer ist es, kein Ziel zu haben.

VICTOR FRANKL

Der Wirtschaftsprüfer ermittelte schließlich einen Gesamtfinanzbedarf von etwa
2,5 Millionen Euro. Darin enthalten waren jedoch auch alle Risiken, die sich aus
sämtlichen Rechtsstreitigkeiten, Restrukturierungskosten (Abfindungen) etc. hätten
ergeben können. Es war mir bald klar, dass dieses Volumen derzeit schwer
finanzierbar war, deshalb schlug ich bei der Hauptversammlung am 3. Juli 2001
vor, einen Restrukturierungsprozess einzuleiten, mit dem Ziel, bis spätestens
1. Januar 2002 wieder profitabel zu arbeiten. Mir wurde die Sache mittlerweile
einfach zu »heiß«, das heißt, ich war mir nicht mehr sicher, ob der Börsengang im
ersten oder zweiten Quartal 2002 überhaupt durchführbar sei, da die Kurse an den
Neuen Märkten weltweit immer mehr abstürzten. Der Antrag wurde angenommen.
Ich hatte einen Turnaround-Spezialisten gefunden: Eberhard Wagemann.
Am 5. Juli 2001 um 9.30 Uhr traf sich die Führungscrew zusammen mit Eberhard
Wagemann zum ersten Turnaround-Workshop. Eingefunden hatten sich alle vier
Vorstände sowie die fünf Führungskräfte der zweiten Ebene. An diesem Tag wurde
auch ein neues Ritual bei uns eingeführt: Es gab nur Wasser (ohne Kohlensäure),
Obst, trockenes Vollkornbrot und für jeden ein paar Stückchen Schokolade (für
die Nerven …). Auf alles andere verzichteten wir bewusst. Es sollte das Symbol
dafür sein, dass wir den Turnaround-Prozess schnellstens durchführen und wir
uns erst dann einen Belag aufs Brot gönnen, wenn wir es geschafft haben. Zu
Beginn des Workshops hielt Eberhard Wagemann einen einführenden Vortrag.
Herr Wagemann hatte sich unter anderem einen Namen gemacht als Sanierer der
Ostdeutschen Glashütte – Das Original – Uhrenfabriken, des DEFA-Filmstocks
sowie des Berliner Fernsehturmes »Alex«. Er stellte schnell klar, dass ein Restrukturierungsprozess
sehr schmerzhaft und nur mit vielen Opfern möglich sei. Er
teilte uns mit, dass wir keine Zeit hätten und deshalb in kürzester Zeit positive
Ergebnisse sichtbar werden müssten. Das Unternehmen müsste wieder aus eigener
Kraft profitabel arbeiten, und zwar schnellstens. Anschließend ergriff ich das
Wort und hielt ebenfalls eine kurze Einführungsrede. Ich stellte klar, dass ich zu
allen Opfern bereit wäre und die Verantwortung für das Unternehmen übernehme.
Ich erklärte, dass ich selbst dann bereitstünde, wenn mir keine der anderen
Führungskräfte folgen sollte.
Der erste Workshop dauerte bis 3 Uhr in der Frühe, fast 18 Stunden ohne jede
Unterbrechung. Am Ende hatten sich einige gravierende Veränderungen ergeben:
1. Von ehemals neun Führungskräften blieben schließlich noch fünf übrig.
2. Alle Geschäftsfelder wurden einer Prüfung unterzogen:
– Welches sind die ursprünglichen Kernkompetenzen des Unternehmens?
– Wo liegen die höchsten Deckungsbeiträge?
– Was sind die bekanntesten Marken des Unternehmens?
Nicht die Konzentration auf die Schwächen,
sondern die Konzentration auf die Stärken
sind für den Erfolg entscheidend.
Aufgrund der Antworten, die wir auf diese Fragen erhielten, beschlossen wir, uns
auf zwei Kernbereiche zu konzentrieren: E-Learning und Live-Learning. Alle anderen
Bereiche sollten geschlossen oder verkauft werden.
Konkret bedeutete dies:
– Die verbliebenen Führungskräfte stundeten sechs Monate 25 Prozent ihres
Gehaltes, auch als Symbol für das gesamte Unternehmen.
– Das Unternehmen, das in Spitzenzeiten einmal 150 Mitarbeiter beschäftigte,
sollte sich auf 60 bis 70 Mitarbeiter verkleinern. (Später wurden es dann 26).
– Ein radikales Kostensenkungsprogramm wurde beschlossen. In jedem Be –
reich galt es die Frage zu beantworten: Gibt es preisgünstigere und vielleicht
sogar noch bessere Alternativen?
Die ersten Workshops, die wir durchführten, ergaben letztendlich zwei Haupt –
strategien:

1. Hauptstrategie: Zurück zu den Ursprüngen

Die INLINE AG war gestartet als Weiterbildungsunternehmen mit der Hauptmarke
Jürgen Höller. Aufgrund des geplanten Börsenganges meinten viele Experten
und Analysten, dass es schlecht sei, wenn das Unternehmen allzu stark auf
den Namen und die Person Jürgen Höller fokussiert sei. Deshalb wurde in diverse
Geschäftsbereiche diversifiziert, die kurz-, teilweise sogar mittelfristig Verluste
erwirtschafteten und erst mittel- und langfristig lukrative Gewinne versprachen.
Nun ich war also meiner eigenen Strategie, dem Gesetz der Konzentration, zum
zweiten Mal in meinem Leben untreu geworden.
Ein wichtiges Ergebnis war es deshalb, das Unternehmen wieder stärker auf den
Kern, also auf die Marke Jürgen Höller, zurückzuführen.

2. Hauptstrategie: Anders als gewohnt!

Ob es besser wird, wenn wir es anders machen,
weiß ich nicht.
Dass es aber anders werden muss,
wenn wir es besser machen wollen,
steht außer Frage!

Wenn man Schwierigkeiten und Probleme hat oder sich sogar in einer ausgewachsenen
Krise befindet, nutzt es nichts, so weiterzumachen wie bisher. Die
Dakota-Indianer haben hier ein sehr gutes Sprichwort:Wenn das Pferd tot ist – steig
ab!
Wer mit Problemen oder Krisen in seinem Leben konfrontiert ist, dem muss
bewusst sein, dass seine alten Handlungsweisen dafür gesorgt haben. Je größer die
Krisen sind, die du bewältigen musst, desto radikaler musst du deine alten Strategien
verändern. Begehe nicht den Fehler, dein Verhalten »ein bisschen« zu verändern.
Merke dir folgenden Grundsatz: Je größer die Probleme, desto radikaler die Veränderung
der bisherigen Strategie!
In meinen Seminaren schildere ich oft das von mir erfundene und so genannte
»Käsekuchen-Prinzip«. Jemand backt einen Käsekuchen. Beim nachmittäglichen
Familienkaffee nehmen alle sich ein Stück Kuchen und schieben den ersten Bissen
in den Mund. Sie kauen und verziehen angewidert das Gesicht: Der Käsekuchen
schmeckt miserabel! Vier Wochen später nimmt der Kuchenbäcker einen neuen
Anlauf: Wieder backt er einen Käsekuchen, wieder nach dem gleichen Rezept –
und ist höchst überrascht, dass er den Gästen immer noch miserabel schmeckt. Es
gibt Menschen, die ihr Leben lang stets den gleichen Käsekuchen, nach stets dem
gleichen Rezept, backen und sich darüber wundern, dass er sch … schmeckt.
Im wirklichen Leben würde uns so etwas natürlich nie einfallen: Wenn ein
Käsekuchen, den wir gebacken haben, nicht schmeckt, dann verändern wir halt
einfach das Rezept. Wenn es sein muss, so lange, bis wir eine Mischung gefunden
haben, die ein akzeptables Ergebnis zeitigt. Aber wenn es um Wichtigeres in unserem
Leben geht als Käsekuchenbacken, dann verhalten wir uns oft gegenteilig:
Wir halten verzweifelt an unserer alten Strategie fest, anstatt sie zu verändern und
damit die Möglichkeit für ein neues, besseres Ergebnis zu schaffen. Ich kann dir
natürlich nicht garantieren, dass das Ergebnis positiv ausfällt, wenn du deine alte
Strategie veränderst. Ich kann dir nur versichern, dass du ein neues Ergebnis
erhältst, wenn du eine neue Strategie versuchst. Und wenn du nach dem ersten
Strategiewechsel ein negatives Resultat erzielst, dann gib nicht auf, sondern verändere
deine Strategie so lange, bis du schließlich das Ergebnis erzielst, das du dir
vorstellst!
Eine der besten Möglichkeiten, um eine erfolgreiche neue Strategie zu entwickeln,
nennen die Amerikaner »Modelling of Excellence«. Diese Strategie besagt,
dass es leichter ist, von jemandem zu lernen, der bereits in einer gleichen oder
ähnlichen Situation war und diese erfolgreich bewältigte. Aus diesem Grund hatte
ich auch Eberhard Wagemann als Begleiter für den Turnaround-Prozess vorgeschlagen.
Jemand, der nachweislich einige Firmen erfolgreich saniert hat, von
dem konnten wir lernen. Modelling of Excellence ist aber nicht nur anwendbar in
Phasen der Krisenbewältigung, sondern auch, um Ziele schneller zu erreichen.

Dumme Menschen lernen auf eigene Kosten.
Kluge Menschen auf Kosten anderer.

NIKOLAUS B. ENKELMANN

Fortsetzung folgt!
71

Ihr „Zitat des Tages“ vom 28.09.2012‏

Ihr „Zitat des Tages“

Lieber Herr Heinz Badura,

heute, am 28. September 2012, einen erfreulichen und erfolgreichen Tag für Sie!

Herzliche Grüße
Axel Haitzer

„Die Friedhöfe der Welt sind voll von Leuten, die sich für unentbehrlich hielten.“

Georges Benjamin Clemenceau
War ein französischer Journalist und Politiker.
* 28.09.1841 in Mouilleron-en-Pareds (Vendée), Frankreich
† 24.11.1929 in Paris (Île-de-France), Frankreich

nur-Zitate ist ein Portal der aicovo gmbh, Hechtseestraße 16, D-83022 Rosenheim,
gebührenfreie Servicenummer für Anrufer, aus Deutschland 0800 – 40 44 800 oder
Telefon +49 (0) 80 31- 222 76 56, E-Mail willkommen@aicovo.com

Impressum der aicovo gmbh:
Sitz: D 83115 Neubeuern, Handelsregister: HRB 13900 – Amtsgericht Traunstein,
Geschäftsführerin: Martina Haitzer – USt.-ID-Nummer: DE 219762137,
aicovo® ist eine eingetragene Marke der aicovo gmbh

4 Aufbruch zum höchsten Gipfel

Wer meint, er ist am Ziel, der geht zurück.
LAO TSE

Einige Tage nach dem Motivationstag kam ein Fotografen- und Journalistenteam
der Lifestylezeitschrift »Gala« zu mir nach Hause, um eine Homestory zu machen.
Zum damaligen Zeitpunkt ließ ich häufig Journalisten und auch TV-Teams für
Aufnahmen in unser Haus. Ich dachte mir dabei nichts Böses, denn ich war stolz
auf meinen Erfolg und glaubte, auch andere Menschen würden sich dadurch
inspirieren lassen. Dies war teilweise auch der Fall. Doch diese Naivität musste ich
bitter bezahlen. Heute weiß ich, dass es ein Fehler war. Denn die Home stories, die
Kerstin und unsere Kinder in unserem wunderbaren Haus zeigten, mit Schwimmbad,
eigenem Fitnessstudio, Hobbybereich mit Carrerabahn, 50-Quadratmeter-
Badezimmer und parkähnlichem Garten, erzeugten viel Neid, wie ich später noch
feststellen sollte.
Im März und April 2000 fanden viele Fusionsgespräche zwischen den Brüdern
Beck, den Inhabern der Metatrain GmbH sowie mir und den Vorständen der
INLINE Motivation AG statt. Mittlerweile waren als Vorstände eingetreten: Gerd
Kulhavy und Gerald Ernst, die ehemaligen Mitinhaber von Friends & Business,
mit denen wir bereits fusioniert hatten (die dadurch Anteilseigner der INLINE
Motivation AG wurden), sowie Horst-Dieter Sauter. Horst-Dieter Sauter, zum
damaligen Zeitpunkt 56 Jahre alt, befand sich bereits im Ruhestand, er war zuvor
bei der SKF, einem der weltgrößten Kugellagerhersteller, Controller für eine Business-
Unit mit einer Umsatzgröße von etwa 400 Millionen Euro gewesen. Ich hatte
ihn über Stefan Haase kennen gelernt, und da wir zum damaligen Zeitpunkt
schnellstens nach einem Finanzvorstand suchten, der unser Controlling, unser
Berichtswesen, unsere Finanzbuchhaltung etc. auf Börsenniveau bringen konnte,
traf es sich gut, dass er sich entschied, nochmals für einige Jahre ins Berufsleben
einzusteigen. Ihn reizte die Aufgabe, ein junges Unternehmen an die Börse zu
begleiten und dann in ruhige Fahrwasser zu führen.
Bei den Fusionsgesprächen waren unter anderem auch Vertreter von Venture-
Capitalfirmen, die bei der Metatrain GmbH bereits investiert hatten, anwesend.
Diese Venture-Capitalfirmen (Risikokapital-Geber, VCs) meinten ebenfalls, dass
E-Learning in Verbindung mit Live-Learning ein absoluter Zukunftstrend sein
würde und bei einem Börsengang ein echter »Knüller« sein müsste. Die Verhandlungen
waren lang, hart und sehr nervenaufreibend. Schließlich kam es zu der
Einigung, dass die Metatrain GmbH und die INLINE Motivation AG zur neuen
INLINE AG fusionieren sollten. Die Anteilseigner der Metatrain GmbH bekamen
dafür im Aktientausch 22,5 Prozent der neuen INLINE AG. Die VCs erklärten sich
im Gegenzug dazu bereit, sofort fünf Millionen Euro in das neue Unternehmen zu
investieren, um die Vorkosten des Börsengangs und die massive Expansion zu
finanzieren. Insbesondere die Investitionen im Bereich E-Learning.
Nachdem die mündlichen Fusionsverhandlungen abgeschlossen waren, kam es
schließlich zu einem so genannten LOI (Letter of intend), also einem festen Vertrag
mit aufschiebenden Bedingungen. In diesem LOI waren bereits alle wesentlichen
Beteiligungsbedingungen festgehalten. Eine aufschiebende Bedingung war
jedoch die Due-Dilligence-Prüfung durch ein von den VCs einzuschaltendes Wirtschaftsprüfungsunternehmen.
Der Mai 2000 war gekennzeichnet von Vorbereitungen auf den geplanten Börsengang.
Es musste ein Businessplan bis 2004 erstellt werden, was eine immense
Arbeit darstellt, denn er muss plausibel bis in die kleinste Dezimalstelle hinter
dem Komma sein. Jede Zahl, ob nun Kosten oder Umsatz, muss nachvollziehbar
sein, ansonsten zerreißen die Analysten den Businessplan später beim Börsengang.
Für mich war der Mai geprägt von der Endphase der Fußballbundesliga. Leverkusen
hatte eine unglaubliche Rückrunde hingelegt. Nach der Niederlage gegen
Bayern München hatte Leverkusen kein einziges Spiel mehr verloren. Sie präsentierten
absoluten Traumfußball: offensiv, schön anzusehen, mit vielen herrlichen
Toren. Das Selbstvertrauen wuchs immer mehr. Zahlreiche Zeitungen, wie Focus,
Bild-Zeitung, Sportbild, traten an mich heran und machten ausführliche Interviews
mit mir. Jeder wollte wissen, wie es mir gelungen war, Leverkusen derart zu
motivieren, dass es nunmehr so aussah, als ob sie Meister werden könnten. Einen
Spieltag vor Schluss lag Leverkusen auf Platz eins der Tabelle. Der letzte Spieltag
fand in Unterhaching statt. Leverkusen strotzte vor Selbstbewusstsein. Als ich die
Mannschaft im Januar in Rom trainierte, hatten wir die klare Parole »Meisterschaft
« ausgegeben. Wir hatten jedoch vereinbart, dieses Ziel auf keinen Fall nach
außen zu propagieren, da dies nur unnötigen Druck auf alle ausüben würde. Da
jedoch eine Woche vor dem entscheidenden Spiel Leverkusen praktisch als Meister
feststand (Unterhaching konnte nicht mehr absteigen), schien es einigen
nicht mehr nötig, sich an die Vereinbarung zu halten. Trainer Christoph Daum,
Manager Reiner Calmund und einige Spieler erklärten nun öffentlich, dass sie den
Titel garantiert gewinnen würden und er ihnen von den Bayern nicht mehr abgejagt
werden könne. Selbst Bayern München, so schien es, hatte resigniert und
bereits Glückwünsche in Richtung Leverkusen geschickt. Ich rief Christoph an
und bat ihn, die Mannschaft einen Tag vor dem Unterhaching-Spiel nochmals
trainieren zu dürfen. Er lehnte dies ab: »Jürgen, die Mannschaft ist momentan so
gut drauf, es läuft so reibungslos, ich will jetzt nichts riskieren und die Routine
nicht unterbrechen.« Ich appellierte an ihn und bettelte ihn regelrecht an, denn
nun ging es in die entscheidende Phase. Ich wusste aus meiner Arbeit mit zahlreichen
Spitzensportlern, dass nun der Druck besonders schwer auf der Mannschaft
lasten würde. Nunmehr, da sie nicht mehr die Jäger, sondern die Gejagten waren,
sah das Spiel anders aus. Die Gefahr war groß, dass sie sich nun verkrampften.
Doch all mein Flehen half nichts, Christoph Daum blieb stur. Er war felsenfest
davon überzeugt, selbst die Mannschaft richtig »einstellen« zu können, um den
Meistertitel zu erringen.
Ich fuhr voller Nervosität, aber auch Freude, zu meinem nächsten Seminar,
denn am 20. Mai war zugleich der letzte Bundesligaspieltag. Ich stand am 20. auf
der Bühne und motivierte etwa 500 Teilnehmer. Sie alle wussten natürlich, dass
heute ein großer Tag war, der gekrönt werden sollte mit der Meisterschale für
Leverkusen. Ich hatte aber ein sehr ungutes Gefühl, denn die beiden Spieler, die
ich persönlich betreute, hatten mir im Vertrauen erzählt, dass die Anspannung
inzwischen unglaublich groß sei. Die Spieler hatten fürchterliche Angst, sie könnten
noch im allerletzten Augenblick die Meisterschale doch verlieren.
Und auch Christoph Daum hatte seine Gelassenheit längst verloren. Durch die
Ankündigung in den Medien, die Meisterschale könne diesmal nur Leverkusen
gewinnen, war alle Lässigkeit, alle Leichtfertigkeit die ihn monatelang so ausgezeichnet
hatten, verflogen. Ich wusste jedoch aus meiner Erfahrung, dass sich
eine solche Anspannung fatal auswirken kann. Immer wieder schlichen sich
einige der Seminarteilnehmer hinaus, um sich am mitgebrachten Radio aktuell
über den Zwischenstand zu informieren. In einer kurzen Pause erhielt ich die
Nachricht, dass Leverkusen 1:0 zurückliege. Mir rutschte das Herz in die Hose.
Wie würden Daum und die Mannschaft jetzt reagieren? Meine innere Stimme
sagte mir: Die Sache geht schief. Eine dreiviertel Stunde später war es dann soweit:
Leverkusen hatte doch tatsächlich das letzte Spiel verloren und damit die Meisterschale!
Ich nahm natürlich im Seminar kurz Stellung, wusste aber, welches Hohngelächter
in den nächsten Tagen auf Leverkusen, den armen Christoph, aber auch
auf mich niedergehen würde.

Was nicht umstritten ist,
ist auch nicht sonderlich interessant.

JOHANN WOLFGANG VON GOETHE

Und genau so kam es auch: Dieselben Journalisten, die mich wochenlang hochjubelten
und die Geheimnisse meines mentalen Trainings erfahren wollten, ergossen
jetzt Häme und Spott über mich. Daum, soeben noch als der größte Motivator
der Bundesliga gefeiert, wurde plötzlich verlacht, weil er seine Spieler barfuß über
Scherben hatte laufen lassen. Ich hatte nämlich beim Mentaltraining der Leverkusener
Flaschen mit dem Hammer zerschlagen und auf einem zwei Meter langen
Teppich Glasscherben ausgebreitet. Dann hatte ich die Spieler und Betreuer mental
vorbereitet und sie gebeten, ihre Schuhe und Strümpfe auszuziehen und barfuß
über den Scherbenteppich zu laufen. Etwas natürlich Unglaubliches für die
Spieler, ist doch jeder mit Millionensummen gegen Invalidität versichert. Und die
größte Angst war sicherlich, sich an den Füßen zu verletzen, ihrem notwendigen
Handwerkszeug. Fast alle liefen über die Scherben und kein einziger trug auch nur
die kleinste Blessur davon. Sinn einer solchen Übung ist es übrigens zu zeigen,
dass es mithilfe der richtigen mentalen Techniken und Strategien tatsächlich
möglich ist, bisher unmöglich Geglaubtes möglich zu machen. Dies wiederum
sollte eine Metapher dafür sein, dass es auch möglich ist, das scheinbar Unmögliche
in der Bundesliga möglich zu machen: nämlich Bayern München endlich zu
besiegen und Meister zu werden!
Viele spotteten nun also über mich. Doch ich bin nicht der Typ, der wegtaucht,
wenn es eng wird. Ich hatte es genossen, von den Medien bejubelt zu werden, also
stellte ich mich jetzt in der Niederlage auch tapfer den zahlreichen Interviews. Ich
übernahm Verantwortung, obwohl ich seit Januar die Leverkusener Mannschaft
gar nicht mehr trainiert hatte und leider bei dem entscheidenden Spiel keine
Möglichkeit hatte, positiv einzugreifen. Christoph Daum war natürlich zuerst
ebenfalls am Boden zerstört. Ich telefonierte in den Wochen danach noch ein
paar Mal mit ihm. Und bald siegten sein Optimismus und seine positive Lebenseinstellung.
In den USA ist mentales Training im Profi-Sport selbstverständlich.
Jedes Profi-Team, jeder Spitzensportler arbeitet mit bekannten Mental- und Motivationstrainern
zusammen. In Deutschland dagegen war ich – wieder einmal –
Vorreiter und wurde entsprechend kritisiert.
Einer meiner früheren Mitarbeiter war Jörg Lohr – einer der erfolgreichsten
deutschen Handballer. Er war zuerst Kunde bei INLINE und wurde später bei mir
Unternehmensberater. 2002 betreute er »Goldfisch« Franziska von Almsick, die
daraufhin bei der Europameisterschaft fünf Goldmedaillen holte. Und er betreut
mental die deutsche Handball-Nationalmannschaft, die am 2. Februar 2003 Vizeweltmeister
wurde und schließlich einige Jahre später sogar Weltmeister – ein
grandioser Erfolg für meinen ehemaligen »Schützling« herzlichen Glückwunsch,
lieber Jörg.
Große Erfolge erzielte ich auch mit vielen anderen Spitzensportlern. So arbeitete
ich 1999 auch über 6 Monate mit Österreichs »Skisprunglegende« Andi Goldberger
zusammen, mit dem Ziel, Weltrekord in Planica zu springen.
Andi hatte bereits fast alles gewonnen, was es im Skispringen zu gewinnen gibt,
er befand sich auf dem Höhepunkt seiner Karriere, als ihm in einem Interview
herausrutschte, dass er schon einmal in einer Diskothek eine »Nase Koks« genommen
habe. Daraufhin brach über ihm ein Gewitter aus, mit einer medialen Bra-
chialgewalt, die ihn zu verschlingen drohte. Als Konsequenz erzielte er keine
Erfolge mehr und begann wieder ganz von vorne.
Eines Tages saß Andi zusammen mit seinem Manager Edi Federer in einem
Seminar von mir in Innsbruck. Davon war er so begeistert, dass sie gleich an –
schließend ein Gespräch mit mir in meiner Garderobe wünschten. Dort vereinbarten
wir dann eine intensive Zusammenarbeit im mentalen Bereich, u. a. arbeiteten
wir mit der Visualisierungstechnik, die ursprünglich einmal von der NASA
entwickelt wurde, später auch Einzug hielt im Spitzensport und mittlerweile auch
im Management und im normalen Leben eingesetzt wird.
Andi stellte sich täglich vor, er würde auf dem Backen der Skisprungschanze in
Planica sitzen. Dann trifft er die Entscheidung loszufahren, drückt sich vom
Backen ab und geht so tief wie möglich in eine aerodynamische Haltung auf seinen
Skiern. Dabei stellte er sich vor, seine beiden Beine seien extrem gespannte,
starke Stahlfedern. Er stellte sich vor, wie er in einer sehr schnellen Geschwindigkeit
die Sprungschanze hinunterfährt, auf dem optimalen Absprungzeitpunkt
drückt er dann in Gedanken Daumen und Zeigefinger aneinander, die einen Auslöser
bilden, aufgrund dessen seine beiden Stahlfedern (= seine Beine …) regelrecht
explodieren. Dann stellt er sich vor, er würde von einer Wolke ganz weit
nach unten getragen werden, dort sicher landen und schließlich nach dem Ab –
bremsen auf der Anzeigetafel seinen Namen mit neuer Weltrekordweite sehen.
Nun, genau dies war der Inhalt des täglichen Visualisierungstrainings während
der sechsmonatigen Zusammenarbeit. Laien werden sich jetzt fragen, was denn
dieser »Humbug« solle, Mental-Experten dagegen wissen, dass unser Unterbewusstsein
alle vorgestellten Bilder als wahr annimmt und tendenziell diese Vorstellungen
dann umsetzt. Und so kam es dann auch: Im Jahr 2000 sprang er in
Planica mit 225 Meter tatsächlich neuen Weltrekord.
Eine weitere Sportlerin, mit der ich erfolgreich zusammenarbeitete, war Grit
Breuer, die schließlich während unserer Zusammenarbeit 400 Meter Hallenweltmeisterin
wurde und im aktuellen Sportstudio den Sieg »ihrem« Mentaltrainer,
Jürgen Höller, widmete.
Im Juli/August 2000 fuhr ich dann mit meiner Familie in Urlaub nach Portugal.
Dort erholte ich mich glänzend. Mitte August kehrte ich wieder zurück. Der erste
Businessplan stand nun und wurde den VCs, dem neuen IPO-Team und auch
einigen hochrangigen Experten und Analysten der Finanzwelt vorgestellt. Der
Wert des fusionierten Unternehmens INLINE AG war im Mai 2000 mit etwa 550
Millionen DM festgestellt worden. (Lt. Analysen unserer Banken, wie JP Morgan,
Landesbank Baden-Württemberg usw.) Für diesen Businessplan bekamen wir von
den Experten nun »kräftig Hiebe«. Unsere Umsatzsteigerungen (von 1996 bis
1999 jährlich 100 Prozent) seien eigentlich zu gering und unsere Marketingaus –
gaben viel zu niedrig, um an die Börse zu gehen. »Man muss als New-Economy-
Unternehmen, das an den Neuen Markt will, den Anlegern beweisen, dass man
Märkte besetzen und hohe Marktanteile erobern will …« Es machte sich in meinem
Bauch Unbehagen breit, denn als Vollblutunternehmer, der seit seinem
19. Lebensjahr selbstständig ist und stets Überschüsse erzielen musste, erschien
mir diese Kritik etwas unangebracht. Doch der weltweite Hype in der New Economy
war auf dem Höhepunkt. Kleine Internet-Firmen, die bei einer Million Euro
Jahresumsatz 50 Millionen Euro Jahresverlust erzielten, waren an der Börse Milliarden
schwer. Thomas Haffa, Gründer von EM.TV, hatte den Wert seines Unternehmens
auf zwischenzeitlich 15 Millionen Euro gepusht. Gewinne waren egal
und alle Mechanismen der Old Economy, also des traditionellen Business, waren
außer Kraft gesetzt. Die Hybris hatte ihren Höhepunkt erreicht!
Ich als »kleiner« Kaufmann, der noch dazu an bis zu 200 Tagen im Jahr auf der
Bühne stand, war von all diesen Experten und Kapazitäten beeindruckt. Weltweit
funktionierte das ja alles genau nach diesem Modell und die Experten werden es
schon wissen, dachte ich.
Auch unsere VCs drängten darauf, den Businessplan zu überarbeiten und insbesondere
die Kosten für eine schnellere Eröffnung von Auslandsfilialen, für hö –
here Marketingaufwendungen, stärkere Verbreiterung der Vertriebsaktivitäten zu
erhöhen.
Ich erinnere mich gut an folgende Begebenheit, die so treffend beschreibt, wie
es damals zuging: Anlässlich einer Aufsichtsratssitzung präsentierten wir unseren
Businessplan für die Jahre 2001 bis 2004. Für 2001 hatten wir 2,5 Millionen DM
für Werbung und Marketing eingeplant – bei einem kalkulierten Umsatzvolumen
von 25 Millionen DM. Als wir nun unseren Businessplan dem Aufsichtsrat präsentierten,
brach dieser in großes Gelächter aus: »Herr Höller, Sie wollen an die
Börse, an den neuen Markt. Dem müssen Sie beweisen, dass Sie die Welt erobern
wollen. Wie sollen Sie das den potentiellen Aktionären verdeutlichen, mit einem
solch lächerlichen Marketing- und Werbeetat?« Und so wurde der Marketingetat,
schwup die wup, innerhalb von einer Minute von 2,5 Millionen DM auf 5 Millionen
DM verdoppelt …
Außerdem sollte deutlich mehr Kapital ins E-Learning investiert werden. Im
E-Learning-Bereich sahen wir uns als reiner Content (= Inhalts)-Anbieter in den
Bereich Soft- und Business-Skills (Motivation, Persönlichkeitsentwicklung, Verkaufswissen,
Kommunikation etc.). In diesem kleinen Marktsegment waren wir
durch die Fusion deutschsprachiger Marktführer und hatten bereits umfangreiche
Inhalte produziert. In diesen Bereich sollten weitere Millionen investiert werden,
um noch mehr Inhalte anbieten zu können. Der Plan, der uns von den Experten
vorgegeben wurde, lautete: Jetzt Inhalte produzieren und diese dann jahrelang
immer und immer wieder verkaufen. »Skalierbare Effekte« nennt dies der Fachmann.
Ähnlich wie im Filmgeschäft, wo Filme produziert und vorfinanziert werden,
um dann jahrelang in der Verwertungskette (Kino, Videoverleih, Free-TV,
Pay-TV) immer wieder vermarktet zu werden. Insgesamt wurden in E-Learning
allein etwa fünf Millionen Euro investiert. Auch die Vorkosten für den Börsengang
waren beträchtlich. Mittlerweile scharte sich ein Heer von Beratern und
Experten um mich, die ich glaubte alle zu benötigen: Wirtschaftsprüfer, Rechtsanwälte,
Notare, Steuerberater, IPO-Berater etc. Allein die Vorstufen des Börsenganges
würden Millionen verschlingen. Mir wurde, ich gebe es heute zu, zu diesem
Zeitpunkt Angst und Bange. Hätte ich doch nur auf meine innere Stimme gehört!
Doch es war bereits zu spät: Zu diesem Zeitpunkt gab es kein Zurück mehr, denn
wir hatten ja schon Millionenbeträge investiert. Und so stimmte ich schließlich,
trotz meiner Ängste, dem gesamten Plan zu. Der Börsengang wurde festgelegt auf
Ende November 2000.
Leider gab es noch ein Problem in der Angelegenheit »Alexander Höller«. Ich
hatte meinem Sohn Alexander Anteile an der INLINE AG geschenkt. Bei Gesellschaftsversammlungen
musste er vom Vormundschaftsgericht vertreten werden.
Doch die VCs weigerten sich, die fünf Millionen Euro zu investieren, solange das
Vormundschaftsgericht nicht außen vor blieb. Das Vormundschaftsgericht aber
weigerte sich schlicht, hier eine Lösung zu finden. Nun hatten wir den LOI unterschrieben,
wodurch die Fusion grundlegend vereinbart war und die fünf Millionen
Euro Risikokapital von den VCs feststanden – aber solange das »Problem Alexander
« nicht bereinigt war, würde das Geld nicht fließen.
Mittlerweile waren die Mittel, die durch die vorbörslichen Zeichner eingesammelt
worden waren und zur Finanzierung dienten, immer mehr aufgebraucht.
Gleichzeitig hatte die INLINE AG den Startschuss gegeben für umfangreiche Maßnahmen

1. Start der Auslandsfilialen in Österreich und der Schweiz 2002.
2. Aufbau von weiteren sieben Auslandsaktivitäten in den nächsten vier Jahren.
3. Aufbau eines Callcenters mit 30 Mitarbeitern.
4. Aufbau von 15 Key-Account-Mitarbeitern (10 bis 12 Monte Vorlaufzeit).
5. Ausweitung der Marketingaktivitäten und damit auch der Kosten.
6. Aufbau eines insgesamt neunköpfigen Vorstands- und Führungsteams, das
börsentauglich war und die massive Expansion die nächsten Jahre mitgetragen
hätte.
7. Mittlerweile fast 100 Mitarbeiter an Bord, um den permanent wachsenden
Kundenstamm und die ständig wachsenden Umsätze überhaupt bewältigen
zu können.

Um dies zu finanzieren, benötigten wir schnellstens die fünf Millionen Euro der
VCs, ansonsten würde es eng werden.
Im September hatten wir immer noch keine Einigung mit dem Vormundschaftsgericht
erzielt. Die Lösung war schließlich, dass ich gemeinsam mit Ale-
xander die so genannte Höller Vermögensverwaltung GmbH gründen sollte. Dort
würden wir beide unsere Aktienanteile der INLINE AG einlegen, ich wäre Ge –
schäftsführer dieser GmbH und könnte die GmbH bei Hauptversammlungen vertreten.
Damit wäre dann die Bedingung der VCs erfüllt und die fünf Millionen
Euro Risikokapital könnten fließen. Doch wiederum weigerte sich das Vormundschaftsgericht.
Erst nachdem sowohl unsere Steuerkanzlei als auch die VCs dem
Vormundschaftsgericht ein Schriftstück vorgelegt hatten, das belegte, dass ohne
Lösung das Geld nicht fließen und die INLINE AG in diesem Fall in allergrößte
wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten könnte, stimmte schließlich das Vormundschaftsgericht
der Lösung zu.
Da jedoch die vorbörslichen Zeichner Ende 1999/Anfang 2000 die Vereinbarung
mit mir persönlich unterschrieben hatten, musste nunmehr mit jedem einzelnen
der etwa 300 Anleger eine neue Vereinbarung, und zwar mit der Höller
Vermögensverwaltung GmbH, geschlossen werden. Am Freitag, den 22. September,
fand um 18 Uhr eine Anlegerversammlung in Frankfurt statt. Etwa die Hälfte
der vorbörslichen Anleger war anwesend und die ganze Problematik wurde ihnen
erklärt. Alle Anleger hatten dann ungefähr vier Wochen Zeit, um die neue Vereinbarung
mit der Höller Vermögensverwaltung GmbH zu unterschreiben oder
nicht. Nur einige wenige vorbörsliche Zeichner wollten diesen neuen Vertrag
nicht unterschreiben und ließen sich ihr Kapital auszahlen. Die allermeisten
jedoch hatten weiterhin Vertrauen und schlossen den neuen Vertrag. Durch diesen
Vertrag, ausgearbeitet durch eine renommierte Wirtschaftsberatungs-Kanzlei,
haftete ich persönlich für die zirka 2,4 Millionen Euro, die die vorbörslichen
Zeichner investiert hatten – ein meiner Meinung nach verhängnisvoller Fehler,
wie später klar wurde. Letztendlich war dieser Fehler mitentscheidend für meinen
späteren finanziellen Ruin. Doch zumindest war das »Problem Alexander« damit
gelöst und der Weg endlich frei, sodass das Geld der VCs in die INLINE AG fließen
konnte. Leider hatten wir durch diese Angelegenheit etwa acht bis zehn Wochen
verloren, sodass der Börsengang unmöglich noch im Jahr 2000 hätte durchgeführt
werden können.

Fremde sind Freunde,
die man noch nicht kennt.

Am Sonntag, den 8. Oktober 2000, war ich als Redner zu Gast bei einer ungewöhnlichen
Veranstaltung: dem »Go Special Gottesdienst« der Evangelischen Kirche
in Niederhöchstadt. Pfarrer Dr. Klaus Douglass hatte ich einige Zeit vorher
kennen und schätzen gelernt. Einer meiner Seminarteilnehmer war nach dem
Seminar spontan zu mir gekommen und hatte mir erzählt, dass ich unbedingt
Pfarrer Dr. Klaus Douglass kennen lernen müsse. Er würde genau das, was ich auf
der Bühne lehre, in seiner Gemeinde leben, und er wäre äußerst erfolgreich.
Einige Wochen später rief ich dann tatsächlich bei ihm an: Ich kann mich noch
gut an das Gespräch erinnern:
»Schönen guten Tag, Dr. Douglass. Mein Name ist Jürgen Höller. Kennen Sie
mich vielleicht?«
»Nein, tut mir Leid«, antwortete Douglass.
»Ich heiße Jürgen Höller und bin Motivationstrainer. Vielleicht können Sie
damit etwas anfangen?«
»Kann es sein, dass Sie im letzten Jahr in Frankfurt in der Festhalle einen großen
Auftritt hatten?«, fragte er mich.
»Ja«, antwortete ich ihm, »das war ich.«
Daraufhin unterhielten wir uns ein wenig und sofort war ein unsichtbares
Band zwischen uns beiden geknüpft. Wir schickten uns gegenseitig unsere Bücher
(auch er hatte einige verwirklicht, wie beispielsweise »Lebe deinen Traum«), und
schon wenige Tage später rief ich ihn an, da ich eine tiefe Seelenverwandtschaft
entdeckt hatte. Wir trafen uns dann ein paar Male, er war zu Gast in mehre –
ren meiner Seminare, ich schaute mir seinen Gottesdienst an. Klaus (mittlerweile
waren wir gute Freunde) hatte in Niederhöchstadt Fantastisches erreicht: Er
hatte innerhalb weniger Jahre eine der blühendsten Evangelischen Gemeinden
Deutschlands aufgebaut. Bei seinem ersten Gottesdienst saßen sechs Teilnehmer
vor ihm, mittlerweile an manchen Sonntagen bis zu 1500! Aber die Gottesdienste
in Niederhöchstadt sind auch nicht vergleichbar mit anderen. Bei einem »Go Special
Gottesdienst« spielt eine Musikgruppe auf der Bühne, und zwar werden spirituelle
Texte mit peppiger Musik unterlegt, es werden Sketche aufgeführt, es wird
gelacht, getanzt, geklatscht. Die Themen sind absolut modern (beispielsweise
Homosexualität). Etwa 350 Gemeindemitglieder arbeiten ehrenamtlich am Aufbau
und Erhalt der Gemeinde mit. Mittlerweile arbeiten ungefähr 150 Kirchengemeinden
in Deutschland äußerst erfolgreich mit dem gleichen Konzept wie die
Gemeinde in Niederhöchstadt. Klaus wurde ein gefragter Redner, nicht nur in Kirchenkreisen,
sondern mittlerweile darüber hinaus. Deshalb ist es kein Wunder,
dass ich ihn auch als Referent für die INLINE AG engagierte. Klaus war auch einer
der wenigen Menschen, der immer hinter mir stand und sich auch in meinen
schwersten Stunden als echter Freund erweisen sollte.
Bei diesem Go Special Gottesdienst nun hielt ich eine etwa zwölfminütige
Rede. Da das Gotteshaus zu klein ist (nur ungefähr 350 Sitzplätze), finden am
Sonntag drei Gottesdienste nacheinander statt. Beim letzten Gottesdienst um 20
Uhr sitzen übrigens an die 350 Jugendliche zwischen 14 und 25 Jahren lieber dort
als zum Beispiel in einer Kneipe oder vorm Fernseher. Ich bin in meiner Kindheit
sehr christlich erzogen worden (ich bin Katholik), habe jedoch im Laufe der Jahre
den Bezug zur Kirche und ein klein wenig auch zu Gott verloren. Zwar habe ich
immer an Gott geglaubt, aber wenn man nicht mehr in die Kirche geht, werden
auch die Gespräche mit Gott (andere würden Beten sagen) immer seltener und
irgendwann stellt man sie ein. Und wenn man nicht mehr mit Gott spricht, so
habe ich festgestellt, dann besteht die Gefahr, dass man auch den Bezug zum
christlichen Leben verliert. Dank Klaus habe ich diesen Bezug wieder intensiviert
und begonnen, regelmäßig mit Gott zu »sprechen«. Ich spreche mit ihm, das
heißt, ich bete nicht nach irgendwelchen uralten Formeln, die ich gar nicht mehr
verstehe, sondern ich spreche mit ihm, danke ihm und bitte ihn um Rat. Ich habe
mittlerweile wieder ein sehr intensives Verhältnis zu Gott und obwohl ich nicht
sehr oft in Niederhöchstadt bin, ist dies meine eigentliche kirchliche Heimat. Später,
in der schweren Lebenskrise, die wir noch erleiden sollten, hat dann die Beziehung
zu Gott Kerstin und mir sehr geholfen und uns viel Hoffnung und Mut
gemacht.
Am Samstag, den 21. Oktober 2000, stand ich in Berlin um 18.30 Uhr auf der
Bühne und motivierte 6000 Menschen. Ich war mit meinem Vortrag sehr zufrieden
und verließ beschwingt die Bühne. Backstage erwartete mich bereits einer
meiner Mitarbeiter und teilte mir eine schreckliche Nachricht mit: Christoph
Daums Haarprobe war positiv. Er, der schon seit Wochen in die Schlagzeilen geraten
war, weil er angeblich Kokain konsumiert hatte, hatte einige Tage vorher –
freiwillig – eine Haarprobe zur Untersuchung abgegeben. Er wollte sich damit
endgültig reinwaschen vom Verdacht, Kokain zu nehmen. In den Medien gab es
eine unglaubliche Schlammschlacht um die Hauptbeteiligten Christoph Daum
und Uli Hoeness, der die Lawine mit seiner Aussage ins Rollen gebracht hatte. Ich
selber wurde von vielen Journalisten interviewt, ob ich es für möglich hielte, dass
Daum Kokain genommen habe, was ich immer vehement verneinte. Ich hatte
Christoph, unmittelbar nachdem die Lawine losgetreten war, angerufen und er
hatte mir Stein und Bein geschworen, niemals in seinem Leben etwas genommen
zu haben. Ich glaubte ihm, einfach auch, weil ich ihm glauben wollte. Und weil
der Wert »Loyalität« bei mir sehr hoch ausgeprägt ist, bin ich in den Wochen der
Schlammschlacht immer für ihn eingetreten und habe mehrmals in Interviews
die Hand für ihn ins Feuer gelegt. Nachmittags an diesem 21. Oktober hatte ich
noch in einer Pressekonferenz Christoph energisch verteidigt. Als nun mein Mitarbeiter
auf mich zukam und mir mitteilte, dass die Haarprobe positiv war, fühlte
ich eine große Enttäuschung. Reiner Calmund habe die Presse nachmittags informiert
und Christoph Daum war bereits nach Florida geflogen und für niemanden
mehr zu sprechen. Ich konnte es nicht glauben. Noch am selben Abend fuhr mich
mein Fahrer die 500 Kilometer nach Hause und immer wieder hörte ich die Nachrichten
und war konsterniert. Wie konnte Christoph nur etwas so Dummes tun?
Dumm im doppelten Sinne: nämlich zum einen Rauschgift nehmen und dann
auch noch – freiwillig – eine Haarprobe abgeben? In den nächsten Tagen ging
über Christoph Daum ein Pressegewitter nieder wie selten zuvor in der Bundesrepublik
Deutschland. Ich litt mit ihm und hatte sogar ein wenig Angst, dass er
womöglich eine große Dummheit begehen könnte. (Später sollte ich dann am
eigenen Leib erfahren, was es bedeutet, von der Presse »gehetzt« zu werden.)
Christoph unternahm das einzig Mögliche und Richtige: Er war unauffindbar in
Florida »untergetaucht«. Doch natürlich setzten sich zahlreiche Reporter auf seine
Fährte, um ihn aufzuspüren. In den Tagen danach wurde ich wiederum zigmal
interviewt, da ich während der Schlammschlacht der letzten Wochen immer wieder
für Christoph eingetreten war. Nun, ich war enttäuscht und tieftraurig über
das Ergebnis. Aber ich erklärte in allen Interviews, weiterhin zu Christoph zu stehen.
Er hatte einen Fehler gemacht, er hatte viele Menschen, auch mich, belogen,
aber er ist nun einmal auch nur ein Mensch. Sicherlich hatte er seine Gründe
gehabt. Und Menschen in der größten Not alleine zu lassen ist nicht mein Ding.
Gerade in solchen Situationen beweist sich, wer Charakter und Mumm hat und
wer nur ein Heuchler ist. Die meisten Menschen haben sich öffentlich von Christoph
Daum abgewendet, ich hatte zwar keinerlei Verständnis für seinen Rauschgiftkonsum
und für seine Lügen, aber als Mensch mochte ich ihn immer noch
und stand weiter zu ihm.
Am 26. November hielt ich dann mein letztes Seminar im Jahr 2000 im ausverkauften
Mannheimer Rosengarten vor 2600 Teilnehmern. Guildo Horn, der ein
kurzes Praktikum bei mir beginnen und seine nächste Tournee unter das Motto
»Du erreichst dein Ziel« stellen wollte, kam spontan auf die Bühne und sang
zwei, drei Lieder. Der Mannheimer Rosengarten bebte. Abends um 22 Uhr ließ ich
mich dann nach Frankfurt ins Sheraton Hotel fahren, wo ich nach einer kurzen
Nacht am Morgen des 27. November abflog, um Siegfried & Roy in Las Vegas zu
besuchen.

Wenn du »es« träumen kannst, kannst du »es« auch erreichen.
WALT DISNEY

Siegfried & Roy’s Europamanager für Audio- und Visuelle Produkte in Europa,
Rick Tess, hatte mich in Dortmund beim Motivationstag am 5. Februar 2000 angesprochen
und eines meiner Bücher für Siegfried & Roy signieren lassen. Er hatte
mitbekommen, dass ich ein großer Fan von den beiden war und ihre fantastische
Story und positive Lebenseinstellung in meinen Seminaren und Büchern immer
wieder erwähnte. Damals signierte ich das Buch, erwartete aber nicht, jemals wieder
von Siegfried & Roy zu hören. Doch falsch gedacht: Wenige Wochen später
meldeten sie sich und luden mich privat zu sich nach Las Vegas ein. Mittlerweile
plante ich mit Rick Tess für das Frühjahr 2001 ein sehr ungewöhnliches Seminar:
In der Nähe der slowakischen Hauptstadt Bratislava gibt es ein Gehege mit frei
laufenden Sibirischen Königstigern. Dort waren unter anderem Siegfried und Roy
Tiger-Paten. Wir wollten nun ein Seminar veranstalten, bei dem Rick Tess als
mein Co-Trainer fungieren sollte. Der Höhepunkt dieses zweitägigen Exklusivseminars
für nur 30 Personen sollte sein, dass die Teilnehmer nach einer entspre-
chenden Vorbereitung in das Tiergehege gehen und mit den bis zu 450 Kilo
schweren Tigern frei umgehen konnten. Zu Beginn der Planung hatte ich jedoch
nicht die geringste Ahnung von Tigern, und Rick Tess war der Meinung, ich solle
mir von Siegfried und Roy ein paar persönliche Tipps holen. Ich flog also mit Zwischenstopp
in Los Angeles nach Las Vegas. Nach deutscher Zeit früh um 6.30 Uhr
traf ich in Las Vegas ein. Am Flughafen warteten bereits Rick Tess, der mich herzlich
begrüßte, und etliche Kamerateams und Fotografen auf mich, um im Terminal
und in der Stadt einige Aufnahmen zu machen. Ich war vollkommen erledigt
und übernächtigt, schon 24 Stunden auf den Beinen, aber in solchen Momenten,
in denen es darauf ankommt, muss man einfach Disziplin beweisen. Oft kann ich
in solchen Situationen nur weitermachen, indem ich mir schlicht vor Augen
halte: Wenn es nicht mehr geht, dann muss es eben!
Die geplante einstündige Aufnahme dauerte dann schließlich drei Stunden,
ehe ich nach deutscher Ortszeit um 13 Uhr schließlich in einen kurzen Schlaf
sank.
Nachts um 4 Uhr, nach nur fünf Stunden Schlaf, war ich hellwach. Ich trank
einen Liter Mineralwasser, zog meine Sportsachen an und war um 4.30 Uhr im
herrlichen Fitnesscenter des Venetian Hotels. Das Venetian Hotel ist ein außergewöhnliches
Hotel: erbaut im venezianischen Stil, mit einer künstlichen Shopping
Arkade, künstlichen Kanälen, echten Gondeln aus Venedig, Gondoliere, die singen,
einer künstlichen Rialto-Brücke etc. – eben »made in USA« (ich oute mich
hiermit: Ich bin ein Fan vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten).
Nach dem Sport gönnte ich mir, ganz im Gegensatz zu meinen normalen
Gewohnheiten (ich esse bis mittags 13 Uhr ausschließlich frisches Obst und
trinke frisch gepresste Obstsäfte) ein ausführliches American Breakfast mit allem,
was dazugehört. Ich bin zwar Anhänger einer absolut gesunden Lebensweise, aber
alles, was zu extrem ist, lehne ich ab. Und wenn ich schon in Amerika bin,
möchte ich den »American Way of Life« auch auskosten.
Um 10 Uhr war Aufnahmetermin im Mirage Hotel. Es wurden mehrere Drehs
mit mir und den dortigen Tigern durchgeführt. Solch ein Vorhaben musste natürlich
lange vorher geplant und angemeldet werden, denn man kann nicht einfach
im Mirage Hotel eben mal so ein paar Aufnahmen machen. Wir hatten deshalb
einen der obersten Manager von Siegfried & Roy an unserer Seite, der alles perfekt
für uns regelte. Faszinierend und meiner Eitelkeit schmeichelnd war, dass ich
selbst in Las Vegas immer wieder von deutschen Touristen erkannt und angesprochen
wurde. Um 16 Uhr traf ich mich mit Siegfried und Roy im Tonstudio. Sie
hatten dort eine Aufnahme und ich wollte die Gelegenheit ergreifen, sowohl eine
Video- als auch eine Audioaufnahme von ihnen zu machen. Ich beabsichtigte,
mit ihnen ein ausführliches Interview zu führen über ihre Lebensgeschichte, ihre
Philosophie, ihre Werte, ihre Erfolgsgeheimnisse. Denn ich plante ein spezielles
Produkt: Ich wollte prominente und erfolgreiche Persönlichkeiten zu diesen The-
men interviewen, um so vielen anderen Menschen Anregungen zu geben, wie sie
selbst in ihrem ganz persönlichen Bereich an die Spitze gelangen können. Es war
ein großes Erlebnis. Siegfried und Roy begrüßten mich anfangs freundlich, aber
reserviert. Sie haben in der Vergangenheit wahrscheinlich zu viele negative Erfahrungen
gemacht, um gleich jeden positiv aufzunehmen. Doch bereits nach wenigen
Minuten war das Eis vollständig gebrochen und eine echte Freundschaft
bahnte sich an. Siegfried & Roys Lebensgeschichte und ihre Einstellungen und
Strategien deckten sich vollständig mit meinen. Wir entdeckten eine große Seelenverwandtschaft.
Ihr wichtigstes Motto: »Glaube kann Berge versetzen«!
Abends war ich zur Show von Siegfried & Roy in den VIP-Bereich eingeladen.
Ich kannte die Show von früher und wusste, wie fantastisch sie ist. Aber sie ist in
den letzten Jahren noch besser geworden. Direkt nach der Show traf ich Siegfried
und Roy in ihrem persönlichen Backstage-Bereich. Überall hingen Fotos von Siegfried
und Roy mit den zahlreichen Berühmtheiten dieser Welt. Praktisch kein
Politiker, kein Künstler, kein Star, der nicht schon in ihrer Show war. Und der
nicht stolz darauf wäre, mit Siegfried und Roy auf einem Bild verewigt zu werden.
Und nun wurde mir diese Ehre zuteil. Wow, was für eine Entwicklung, was für
eine Karriere hatte ich hingelegt! Ich war stolz auf mich, ohne zu bemerken, dass
auch eine Menge Hochmut in mir schwang. Nun, in der klassischen griechischen
Tragödie kommt ja bekanntermaßen nach der Hybris (Hochmut) die Tragödie
(der Fall) …
Auf dem Rückflug von Las Vegas dachte ich an diese positive Begegnung
zurück, und ich freute mich auf das kommende Jahr, in dem mein größter Triumph
auf mich wartete: der erfolgreiche Börsengang! Nicht ansatzweise ahnte ich
die Tragödie, die ich erleben sollte.
Im November 2000 wurde der Beteiligungsvertrag, in dem die Fusion, aber
auch die Beteiligung durch die VCs geregelt wurden, notariell besiegelt. Zu diesem
Zeitpunkt hatten sich die Börsenkurse weltweit seit Mai 2000 halbiert. Dadurch
war INLINE am 23. November auch nicht mehr 250 Millionen Euro, sondern nur
noch 100 bis 125 Millionen Euro wert. Aber immer noch eine unglaubliche
Summe und ausreichend für den Börsengang. Schließlich wurde diskutiert, wann
der Börsengang nun endgültig durchgeführt werden sollte. Ich plädierte dafür,
ihn so früh wie möglich zu starten. Spätester Termin für mich war Ende März
2001. Doch alle Experten um mich herum, und auch die Anteilseigner und die
VCs hielten dies für zu früh. Außerdem sagten sämtliche Analysten und Börsenexperten
weltweit für das Jahr 2001 einen starken Anstieg der Aktienkurse voraus,
vor allen Dingen zum Ende des Halbjahres 2001 sollten die Kurse deutlich höher
stehen. Wieder einmal hörte ich nicht auf meine innere Stimme, auf meine Intuition
und schloss mich den Meinungen der anderen an. Aber auch wenn ich
gewollt hätte, hätte ich mich nicht mehr durchsetzen können, schließlich war
ich nicht mehr Alleinherrscher in meinen Unternehmen, wie früher einmal. Also
wurde der Börsengang auf spätestens Ende Juni 2001 festgelegt. Ich feierte ein
sehr schönes Weihnachtsfest im Kreise meiner Familie, spannte einige Tage aus,
um Kraft zu finden für das neue Jahr mit seinem Höhepunkt Börsengang. Am Silvesterabend
um Punkt Mitternacht stieß ich mit Kerstin mit einem Glas Champagner
an, nahm sie in die Arme und flüsterte ihr ins Ohr: »Dieses Jahr wird unser
Jahr, dieses Jahr kommen wir endgültig an die Spitze.« Wir träumten von einem
glanzvollen Börsengang und davon, dass ich dann wieder mehr Zeit haben würde.
Bald würde es geschafft sein – doch das Unwetter hatte sich unmerklich bereits
über uns zusammengebraut, ein Alptraum von für uns unvorstellbarem Ausmaß
stand uns bevor …

Fortsetzung folgt!

Ihr „Zitat des Tages“ vom 27.09.2012‏

Ihr „Zitat des Tages“

Lieber Herr Heinz Badura,

heute, am 27. September 2012, einen erfreulichen und erfolgreichen Tag für Sie!

Herzliche Grüße
Axel Haitzer

„Wer absolute Klarheit will, bevor er einen Entschluss fasst, wird sich nie entschließen.“

Henri-Frédéric Amiel
War ein französichsprachiger schweizer Schriftsteller und Philosoph.
* 27.09.1821 in Genf (Kanton Genf), Schweiz
† 11.05.1881 in Genf (Kanton Genf), Schweiz

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