Chiles Bergleute «Aus der Dunkelheit ins Blitzlichtgewitter»


17. September: Die erste Vorbohrung erreicht schneller als erhofft in 630 Meter Tiefe einen Werkstattraum, zu dem auch die Kumpel Zugang haben. Die Kumpel feiern.
Von news.de-Redakteur Jan Grundmann

Die Welt wartet auf die Rettung der Kumpel – allen voran 2000 Journalisten. Was die Extrembelastung für Menschen bedeutet und welche Folgen die Zeit unter Tage haben kann, erklärt Trauma-Therapeutin Brigitte Dennemarck-Jäger im news.de-Interview.

Frau Dennemarck-Jäger, Sie arbeiten mit traumatisierten Menschen. In Chile steht die Rettung der vor mehr als zwei Monaten verschütteten Bergleute kurz bevor – dann wartet ein gigantischer Medienansturm. Werden die Kumpel damit umgehen können?

Dennemarck-Jäger: Sie waren zwei Monate lang in einer reizarmen Umgebung und abgeschottet von der Außenwelt. Sie haben eine lange Zeit der Unsicherheit, vielleicht sogar der Todesangst durchgemacht und sind seelisch erschöpft. Jetzt werden sie von Null auf 100 hochgefahren. Der Hype, der jetzt um sie gemacht wird, würde jeden aus der Bahn werfen, auch Menschen in Alltagssituationen. Das kommt einer Überflutung gleich.

Wie müssen wir uns diese Überflutung vorstellen?

Dennemarck-Jäger: Die Bergleute sind sehr dünnhäutig, kommen aus der Dunkelheit ins Blitzlichtgewitter. Sie rutschen von einer in die nächste Extremsituation, ohne Zeit zum Stabilisieren zu haben. Beim Ansturm der Medien müssen die Männer permanent ihr System hochdrehen und Fragen beantworten. Sie werden das Gefühl haben, sehr wichtig und gefragt zu sein – das wird nachlassen. Da kommt es auf die einzelne Persönlichkeit an, ob man in ein Loch fällt oder ob es gelingt, ein normales Leben zu leben.

Wie wahrscheinlich ist es denn, dass die Bergleute wieder ein normales Leben führen können?

Dennemarck-Jäger: Es hängt stark von der Persönlichkeit ab. Ist es eine stabile Persönlichkeit in einem guten sozialen Umfeld, sind die Chancen relativ groß, dass die traumatische Extremerfahrung verarbeitet werden kann. Die Person wird nie wieder die gleiche sein, aber es kann ihr gelingen, ein halbwegs normales Leben zu leben. Wenn ein Mensch aber bereits traumatische Vorerfahrungen hat, dann ist die Integration von Extremerfahrungen schwierig, weil die eigenen Ressourcen und Verarbeitungskapazitäten schon angeschlagen sind

Werden die Bergleute Hilfe brauchen, nachdem sie gerettet worden sind?

Dennemarck-Jäger: Ich denke schon, dass sie psychologische Begleitung brauchen. Wir wissen, dass zwischen 15 und 30 Prozent der Menschen Selbstheiler sind. Die machen zwar eine Phase der Trauer, des Entsetzens durch, können danach aber wieder zum normalen Leben zurückkehren. Ein Drittel der Menschen hat aber bereits traumatische Vorerfahrungen oder befindet sich in schwierigen Lebenssituationen. Wenn sie eine Extremsituation durchleben, kann sich eine posttraumatische Belastungsstörung entwickeln. Die dritte Gruppe sind die Wechsler. Wenn sie nach einem dramatischen Erlebnis psychologisch betreut werden, ist die Chance groß, dass sie das Extremereignis verarbeiten können.

Traumatherapeutin Brigitte Dennemarck-Jäger: Die Angehörigen sollen den Bergleuten ein Ruhepol zur Aufarbeitung sein. Text Traumatherapeutin Brigitte Dennemarck-Jäger: Die Angehörigen sollen den Bergleuten ein Ruhepol zur Aufarbeitung sein. Foto: privat
Traumtherapeutin Dennemark-JägerWas ist denn ein Trauma?

Dennemarck-Jäger: Trauma ist griechisch und bedeutet Wunde. Es bezeichnet eine massive Ohnmachtserfahrung, die ein Ereignis in einem Menschen auslöst – auf das der Betroffene mit seinen seelischen Mechanismen nicht mehr reagieren kann. Und wie eine Wunde braucht es Zeit, um zu heilen – und manchmal tut es eben weh oder es kann sozusagen eitern.

Inwieweit können die Angehörigen helfen?

Dennemarck-Jäger: Zuhören ist am wichtigsten. Sie werden vielleicht Episoden des Extremereignisses immer und immer wieder zu hören bekommen. Die Angehörigen sollten sich dann als Ruhepol anbieten, eine Schutzfunktion übernehmen und den Betroffenen vom Medienhype abschirmen.

Können denn die Bergleute ihren Beruf weiterführen?

Dennemarck-Jäger: Das kommt auf die Persönlichkeit an. Von der Faustregel, einfach weiterzumachen, halte ich jedenfalls nichts. Aufarbeitung ist wichtig. Aus meiner Arbeit als Traumatherapeutin weiß ich: Es gibt Menschen, die eine schwere berufliche Situation verkraften und nach einer Weile langsam wieder in ihren Job zurückkehren können. Ich kenne aber genauso viele Fälle, in denen das nicht möglich ist – trotz intensiver Aufarbeitung.

Welche Symptome werden die Männer aufweisen?

Dennemarck-Jäger: Die Bilder werden in den Bergleuten immer wieder hochkommen. Sie werden das Ereignis in Form von Träumen verarbeiten. Das können Albträume sein, aber auch positive Träume. Es kann sein, dass dunkle, enge Räume gemieden werden. So sind starke Stimmungsschwankungen und Schreckhaftigkeit möglich – oder auch Euphorie, überlebt zu haben bis hin zu einem ganz dunklen Gefühl, weil man eben auch durch einen ganz dunklen Lebensabschnitt gegangen ist. Es war ja nie sicher, dass die Rettung wirklich klappt.

Wie kann sich diese Situation auf die Partnerschaft auswirken?

Dennemarck-Jäger: Es können Gefühle der Entfremdung gegenüber den engsten Angehörigen entstehen, weil man diesen extremen Lebensabschnitt nicht miteinander teilen konnte. Solch eine bedrohliche, existenzielle Situation hat der Partner nicht erlebt. Der war zwar über Tage in Sicherheit, hat aber auch wahnsinnige Angst gehabt. Beide haben sich verändert. Es war eine unfreiwillige, lange Trennung – das kann zusammenschweißen, kann aber auch problematisch werden.

Was passiert mit den Kumpel, wenn sich der Hype um sie gelegt hat?

Dennemarck-Jäger: Erst ist es eine künstlichen Überhöhung des Selbstvertrauens, es ist eine rauschhafte Medienwelt. Irgendwann sind sie keine Helden mehr, das Medieninteresse lässt nach. Dann stellt sich die Frage, welchen Lebenssinn man vorher hatte und ob ein Anknüpfen möglich ist. Wer etwa viele Lebensinhalte hat – Kinder, Frau – kommt leichter wieder in den Alltag hinein. Wer Single ist und dann kein unterstützendes Umfeld hat, dürfte die Bedeutungslosigkeit massiver spüren.

Brigitte Dennemarck-Jäger ist Diplom-Psychologin und Traumatherapeutin. Sie kümmert sich bei Katastrophen um die Opfer – etwa beim Einsturz des Kölner Stadtarchivs. Sie forscht am Deutschen Institut für Psychotraumatologie mit Sitz in Köln und arbeitet mit Menschen, die vergewaltigt oder überfallen worden sind. Das Institut bietet ebenfalls Weiterbildungen für Psychologen an.
sis/news.de

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